Die Dorfbewohner müssen weiter mit einem gefährlichen Sexualstraftäter in der Nachbarschaft leben.

wza_1500x1004_613222.jpeg
Einige Dorfbewohner demonstrieren vor dem Haus des Sexualstraftäters Karl. D.

Einige Dorfbewohner demonstrieren vor dem Haus des Sexualstraftäters Karl. D.

Jörg Knappe

Einige Dorfbewohner demonstrieren vor dem Haus des Sexualstraftäters Karl. D.

Heinsberg. Sie kommen stumm aus der Dunkelheit. Erst einzeln, dann in kleineren Grüppchen. Wortlos packen sie ihre Plakate aus, bauen sich auf. Den Blick fest auf das Haus gerichtet, in dem der verurteilte Sexualstraftäter Karl D. wohnt. 18 Demonstranten sind gekommen. Dann, wie auf ein geheimes Zeichen, brüllen sie los: "Wir wollen keine Kinderschänder-Schweine".

"Das Urteil ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer."

Erich Kahlen, Nachbar des Sexualtäters Karl D. und Vater

Diese Szene wiederholt sich jeden Abend. Etwa ein Dutzend Einwohner des Örtchens Randerath im Kreis Heinsberg marschieren seit 317 Tagen jeweils um 18 Uhr zu diesem Wohnhaus. Sie machen ihrer Angst Luft, aber auch ihrem Zorn. Sie nennen es "Mahnwache".

30 Meter trennen sie von dem Haus, in dem Karl D. wohnt. Näher dürfen sie nicht heran. "Bitte leise! Kinderschänder braucht Ruhe" und "Hier wohnt die Sex-Bestie Karl D." steht auf den Transparenten. An der Entscheidung des Bundesgerichtshofs, dass Karl D. in Freiheit bleibt, zerbrechen an diesem Abend in Randerath die letzten Hoffnungen, dass sich das Leben in ihrem Dorf normalisiert.

Denn seit er unter ihnen ist, dieser Mann, der aus einem Gefängnis in Bayern kam, in dem er saß, weil er drei Mädchen vergewaltigt und gequält hatte, hat sich etwas verändert im Dorf. "Jeder hat Angst. Ich lasse meine Tochter nicht mehr allein raus. Der Staat schützt uns einfach nicht", sagt Gabi Brehmer.

Schüler dürfen nur noch drinnen zur Toilette und Kindergartenkinder müssen wissen, dass "ein böser Mann” in der Nähe ist. Zudem seien beide Einrichtungen mittlerweile auch tagsüber verschlossen. "Wer rein will, muss klingeln", sagt sie. Neben einem Zigarettenautomaten im Dorf hängt ein Zettel mit einem Bild von Karl D. Darauf hat er einen dünnen schwarzen Balken über den Augen.

Vor dem Haus des Bruders, zu dem Karl D. gezogen ist, stehen 24Stunden am Tag zwei Einsatzwagen der Polizei. Die Beamten haben das Gebäude im Blick: die zugemauerte Tür, den an die Seite verlegten Eingang, die mit Spiegelfolie beklebten Fenster und die alte Fassade, an der noch die Worte "Wellness” und "Beauty” zu lesen sind, obwohl das Gebäude nach beidem nicht aussieht. An der anderen Seite klebt die Werbung für eine bekannte Diskothek.

"Meine Jüngste darf nicht mehr allein joggen"

Erich Kahlen, Vater zweier Töchter (15 und 21), wohnt in der Nachbarschaft. "Meine Jüngste darf nicht mehr allein joggen. Die Sicherheit durch die Polizei ist trügerisch", sagt er. Mehrfach sei D. der Polizei entwischt. Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, bestätigt das. Für Kahlen ist das Urteil "ein Schlag ins Gesicht der Opfer".

Karl D. hält die Aufregung um ihn für übertrieben. "Vor mir braucht keiner Angst zu haben." Er sei keine Zeitbombe, sagte er einem Fernsehsender. Das glaubt in Randerath niemand. Daher wollen sie auch am Donnerstag wieder demonstrieren. Wie lange noch? Schulterzucken.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer