Gewalt in den eigenen vier Wänden - mit dem Thema beschäftigen sich am Samstag Mediziner und Experten in Düsseldorf. Die Zahl der Strafanzeigen ist kräftig gestiegen, doch was sagen diese über die reale Gewalt aus? Frauenhäuser in NRW berichten.

Häusliche Gewalt
Es geschieht oft zu Hause. Foto: Jan-Philipp Strobel

Es geschieht oft zu Hause. Foto: Jan-Philipp Strobel

dpa

Es geschieht oft zu Hause. Foto: Jan-Philipp Strobel

Düsseldorf (dpa) - Die Adressen der Häuser müssen meist geheim bleiben. Zum Schutz der Frauen, damit ihre Männer sie nicht finden. Wer in den Einrichtungen unterkommt, hatte keine Alternative, keine Freunde oder Verwandten mit Gästezimmer. Oder der Stolz, diese zu fragen, war einfach zu groß: 62 Frauenhäuser gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums in NRW. Die Auslastung lag in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt zwischen 75 und 79 Prozent.

Mit dem Thema Gewalt in den eigenen vier Wänden beschäftigen sich rund 200 Mediziner und Experten am Samstag auf einer Fachtagung in Düsseldorf. Ziel des Kongresses ist es, die Opfer schneller zu erkennen und ihnen Hilfestellung zu geben, sei es rechtlich oder emotional. Auch die Weitervermittlung an Psychologen oder Frauenhäuser steht auf dem Programm. Nach Angaben der Ärztekammern in NRW sind die Zahlen besorgniserregend. Die Menge der Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt sei innerhalb eines Jahrzehnts von rund 16 000 auf 27 000 pro Jahr angestiegen.

Experten bezweifeln jedoch, dass die reale Gewalt zugenommen hat. Durch erhöhte Sensibilität komme man langsam der Dunkelziffer auf die Spur, sagen Kriminologen und Mediziner. Dennoch gilt die Zahl der Anzeigen immer noch als wichtigstes Indiz zur Einschätzung. «Das sind die einzigen sicheren Daten, die wir haben», sagt Mediziner Wolfgang Wöller. Der Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie aus Bad Honnef ist einer der Redner bei der Tagung.

Dabei sind es gar nicht immer die Opfer selbst, die den Gang zur Wache wagen und Anzeige erstatten: Nach Angaben einer Polizeisprecherin in Düsseldorf stellt die Behörde nach jedem Einsatz wegen häuslicher Gewalt von sich aus Strafanzeige, eine Änderung des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002 sieht das vor. Auch Wohnungsverweisungen für die Gewalttäter können ausgesprochen werden. Hier ist die Zahl in NRW im vergangenen Jahr aber im Vergleich zu 2012 laut Innenministerium minimal auf rund 13 600 angestiegen. Oft waren es die Nachbarn, die die Polizei alarmierten.

Die Geschäftsführerin des Trägervereins «Frauen helfen Frauen», Monika Weiß, verlässt sich dagegen ungern nur auf Statistiken. Sie ist sicher: «Der Ansturm auf unsere zwei Einrichtungen ist in den vergangenen Jahren nicht größer geworden». Allerdings gebe es mittlerweile auch immer mehr Häuser, vor allem autonom organisierte. «Selbst wenn plötzlich mehrere Frauen auf einmal kommen, sind wir so gut vernetzt, dass wir anderswo Plätze für sie finden», sagt Weiß.

In Köln dagegen scheint die Situation offensichtlich dramatischer. «Wir müssen jeden Tag zwei bis drei Frauen ablehnen und weitervermitteln», sagt Sozialarbeiterin Döndü Eroglu. Ihrem Gefühl nach steigt der Ansturm auf die Häuser proportional zur Zunahme der Arbeitslosenzahlen. «Dann wird es jedes Mal schlimmer.»

Opfer von häuslicher Gewalt findet man in allen sozialen Schichten, wie Eroglu und Weiß berichten. In ihren Einrichtungen spiegelt sich das aber nicht unbedingt wieder. Die Hälfte der Betroffenen habe einen Migrationshintergrund oder empfange Hartz IV, sagt Weiß und ist sicher: «Betuchtere Frauen finden andere Lösungen, um irgendwo unterzukommen.» Im Notfall geht es eben mal für ein paar Tage ins Hotel.

Wer vom Staat unterstützt wird, muss in Düsseldorf etwa 20 bis 30 Euro Stromgeld im Monat zahlen, Selbstverdiener geben mehr ab. Die reinen Übernachtungen im Frauenhaus dagegen sind kostenlos. Für Verpflegung muss selbst gesorgt werden. «Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe. Die Frauen sollen so leben, wie sie es später in einer eigenen Wohnung auch tun.» Im Schnitt dauere der Aufenthalt mindestens vier Monate: Solange brauchen die meisten, um eine eigene Wohnung zu finden.

Doch wollen die Frauen ihren Partner überhaupt verlassen? «Viele sagen: Ich will mich ja gar nicht trennen. Er soll sich ändern», sagt Weiß. Dass ein klarer Schnitt gar nicht immer nötig ist, ist vorherrschende Ansicht beim nordrhein-westfälischen Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit mit Sitz in Bochum. Die Einrichtung ist neben den Ärztekammern in NRW Mitorganisator der Tagung am Samstag.

«Die Gewalt zu beenden, heißt nicht nur, den Partner zu verlassen», sagt die Leiterin Marion Steffens. Blinder Aktionismus, gar die Frauen zu etwas zu drängen, wozu sie noch gar nicht in der Lage seien, sei grundfalsch.

Die Geschäftsführerin des Trägervereins «Frauen helfen Frauen», Monika Weiß, kennt die neue Vorgehensweise aus den Niederlanden. «Die Arbeit mit dem Täter wird Bestandteil der Therapie. Von diesen Methoden sind wir hier aber noch zehn Jahre entfernt. Vor allem personell ist das momentan nicht zu leisten.» Bis dahin werde es weiterhin darum gehen, die Frauen vor ihren Männern zu schützen.

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