Alle zwei Wochen treffen sich Hörende und Gehörlose und unterhalten sich mit vollem Körpereinsatz.

Reportage
Willi, Christine und die anderen am Stammtisch unterhalten sich in der Gebärdensprache.

Willi, Christine und die anderen am Stammtisch unterhalten sich in der Gebärdensprache.

Judith Michaelis

Willi, Christine und die anderen am Stammtisch unterhalten sich in der Gebärdensprache.

Düsseldorf. Donnerstagabend in einem Gasthaus. Der Raum ist voll – überall Gemurmel, Gespräche, das Klirren von Geschirr. Der Geräuschpegel ist hoch. Nur in einer Ecke des Restaurants redet niemand gegen die Lautstärke an: Hier verständigen sich heute acht Menschen ganz ohne Geräusche. Alle zwei Wochen treffen sich im Gasthaus Schwan in Düsseldorf Gehörlose und Hörende zum Gebärdenstammtisch.

Nach dem Gebärden-Kurs das Gelernte anwenden

Auch Willi Görtz (64) ist dabei. Er ist gehörlos und hat den Stammtisch vor neun Jahren mit gegründet. Damals traf er sich öfter mit einem Bekannten, der als Hörender einen Kurs in Deutscher Gebärdensprache (DGS) machte. Um das Gelernte nicht gleich wieder zu vergessen, organisierte er mit ein paar anderen Kursteilnehmern, die regelmäßigen Treffen – Willi Görtz als „Experte“ ist immer dabei.

Seitdem ist der Stammtisch gewachsen: Inzwischen kommen jedes Mal etwa zwölf Personen. Es wird sich geduzt, die Stimmung ist freundschaftlich. Gebärdensprache ist Pflicht.

Alle unterhalten sich durcheinander auch mal quer über den Tisch. So erzählt Christine Neukirchner (28) einer Frau am anderen Tischende vom Plätzchenbacken am letzten Wochenende, während Willi daneben einem anderen von seinem Arbeitstag berichtet. Christines Gesprächspartnerin antwortet mit viel Körpereinsatz – ihre Sitznachbarin rutscht beinahe von der Bank. „Hin und wieder fällt dabei auch schon mal ein Glas um“, sagt Christine lachend.

Sie ist hörend und hat sich schon früh für Gebärdensprache interessiert. „Mein Vater ist Lehrer an einer Schule für Hörgeschädigte“, sagt sie. Eine seiner gehörlosen Kolleginnen hatte ihr damals erste Gebärden gezeigt. „2010 habe ich dann in Düsseldorf einen DGS-Kurs gemacht“, sagt sie. Über eine Bekannte ist sie dann zum Stammtisch gekommen, um in Übung zu bleiben.

Bildhafte Vorstellung und Handkoordination hilfreich

In Deutschland gibt es etwa 80 000 Gehörlose. Viele von ihnen können Gesprochenes von den Lippen ablesen. Der Gehörlosen-Bund gibt ein paar wichtige Ratschläge, um die Kommunikation zu vereinfachen.

Sehen Sie Gehörlose beim Sprechen an, halten Sie Blickkontakt und achten Sie darauf, dass Ihr Mund nicht verdeckt ist.

Sprechen Sie langsam und deutlich aber schreien Sie nicht. Zu lautes Sprechen verzerrt die Gesichtszüge und erschwert das Absehen. Benutzen Sie kurze, klare Sätze. Sprechen Sie möglichst Hochdeutsch, das Ablesen von Dialekten ist extrem schwierig.

Benutzen Sie deutliche Mimik und Gestik, sowie natürliche Gebärden (z.B.: für „essen“ oder „schlafen“). Schreiben Sie wichtige Stichworte auf.

Möchten Sie den Gehörlosen ansprechen, können Sie seine Aufmerksamkeit durch Wink-Bewegungen auf sich ziehen. Scheuen Sie sich nicht, ihn gegebenenfalls auch leicht an der Schulter oder am Arm zu berühren oder das Licht ein- und auszuschalten. Gehörlose sprechen sich auch auf diese Weise gegenseitig an und werden das nicht seltsam finden.

Die nächsten Termine des Gebärdenstammtischs im Gasthaus Schwan, Mühlenstraße 2 in Düsseldorf lassen sich jeweils über die offene Facebook-Gruppe „Gebärdenstammtisch Düsseldorf“ in Erfahrung bringen.

Mehr Infos zu Gehörlosigkeit und Gebärdensprachkursen finden Sie im Internet unter gehoerlosen-bund.de

Doch nicht nur die Hörenden profitieren von den gemeinsamen Treffen. Die Gehörlosen können hier ihr Netzwerk stärken und sich über Neuigkeiten in der Gehörlosen-Gemeinschaft austauschen. Außerdem können auch sie hier ihre Sprache pflegen. „An diesen Abenden ist es kein Problem, dass ich gehörlos bin“, sagt eine der Anwesenden. Die Gehörlosen freuen sich, dass sich Hörende für ihre Sprache und Kultur interessieren. Neue Leute sind beim Stammtisch immer willkommen. Christine fand das Erlernen der Gebärdensprache nicht sehr schwierig. „Ich habe eine gute bildhafte Vorstellung“, sagt sie, „das ist wichtig bei der Gebärdensprache.“ Außerdem brauche man eine gute Handkoordination und dürfe keine Hemmungen haben, mit starker Mimik und viel Körpereinsatz zu sprechen.

Die Kellner im „Schwan“ kennen die Stammgäste inzwischen gut. Beim Bestellen zeigen die Gehörlosen auf der Karte, was sie möchten. Manch ein Kellner kann schon ein paar Gebärden – für Namen, die Zahlen bis zehn, „Danke“ und „Bitte“ zum Beispiel.

Ruhige Abwechslung im lauten Kellner-Alltag

Am Anfang mussten sich die Kellner an manche Dinge gewöhnen. „Die Gäste zu berühren ist eigentlich ein No-Go“, sagt Kellner Sven, der donnerstags häufig da ist. Bei den Gehörlosen sei das aber oft notwendig und auch in Ordnung. Außerdem müssen sie sich die Bestellungen besser merken, weil sie weniger nachfragen können. „Wir freuen uns aber immer, wenn der Stammtisch da ist“, sagt Sven. Im lauten Arbeitsalltag eines Restaurants seien die Gebärdenden eine „herrlich ruhige“ Abwechslung.

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