Begleiter der 23-Jährigen schildert erschütternde Herzlosigkeit vieler Menschen nach Ende des Martyriums.

Neu Delhi. Vor einer Woche starb eine junge Inderin an den Folgen einer bestialischen Vergewaltigung. Begleitet hatte sie in der Tatnacht ein Freund, der die Misshandlungen durch sechs Beschuldigte in einem fahrenden Bus verletzt überlebte. Der 28-Jährige hat nun sein Schweigen gebrochen. Was er dem Sender Zee News über das Verbrechen erzählte, war weitgehend bekannt. Was allerdings nach der Tat geschah, sorgt für Entsetzen – wenn es viele Inder auch nicht wirklich überraschen dürfte.

Nachdem die 23-Jährige und er nackt aus dem Bus geworfen worden waren, sei ihnen niemand zur Hilfe gekommen, sagt der Mann. Hilflos und blutend lagen die beiden an einer der meistbefahrenen Schnellstraßen der Hauptstadt. Tausende müssen an jenem kalten Sonntagabend vor drei Wochen an den Notleidenden vorbeigefahren sein.

20 bis 25 Minuten lang warteten sie auf Hilfe – an einer Schnellstraße

„Autos und Motorräder bremsten, aber rasten dann davon“, erinnert sich der Begleiter der jungen Frau. „Wir warteten 20 bis 25 Minuten auf Hilfe.“

Der Fall wirft ein Schlaglicht darauf, dass in der indischen Gesellschaft nicht nur Gewalt gegen Frauen ein Problem ist, sondern auch mangelnde Hilfsbereitschaft gegenüber Notleidenden.

Grund sind nicht unbedingt nur fehlendes Mitgefühl, sondern auch Eigenschutz: Inder ohne Beziehungen riskieren, sich selber in Schwierigkeiten zu bringen, wenn sie helfen. Wer bei einem Unfall die Polizei ruft, kann leicht in die Mühlen der Bürokratie geraten. Helfer laufen Gefahr, selbst beschuldigt zu werden.

Auch Polizisten sind nicht unbedingt erpicht darauf, Fälle zu übernehmen. Das gilt besonders dann, wenn sie das Potenzial haben, Ärger zu bereiten. So berichtet der Begleiter der Frau, dass die Polizisten – nachdem dann doch mehrere Streifenwagen eintrafen – zunächst wichtige Zeit verschwendet hätten. Sie hätten debattiert, welche Wache sich um die Opfer kümmern müsse, sagt er. „Statt zu helfen, diskutierten sie über Zuständigkeitsbereiche.“

Vater des Opfers fordert Todesstrafe für alle sechs Beschuldigten

Nicht nur solche ernüchternden Vorkommnisse sind Indizien dafür, dass das Schicksal von Menschen in Indien oft nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt wie im Westen. Am Schicksal der mutmaßlichen Peiniger der 23-Jährigen und ihres Begleiters herrscht jedoch großes Interesse. Die Bestialität des Verbrechens hat viele Inder wachgerüttelt.

Am Montag sollen die fünf volljährigen Beschuldigten vor Gericht erscheinen, ihnen droht der Galgen. Der sechste Verdächtige wird voraussichtlich vor ein Jugendgericht gestellt. Welches Schicksal der Vater der 23-Jährigen sich für die Täter wünscht, machte er nun in einer Zeitung deutlich: „Den Tod für alle sechs von ihnen.“

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