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Warnhinweise in einer Klinik in Singapur.

Warnhinweise in einer Klinik in Singapur.

Warnhinweise in einer Klinik in Singapur.

Berlin/Göttingen (dpa) - Die Furcht vor der Schweinegrippe wird nach Ansicht des Göttinger Angstforschers Borwin Bandelow in wenigen Wochen abebben. «Die große Panik lässt nach etwa einem Monat nach», sagte der Professor für Psychiatrie in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin.

«Nach vier Wochen fangen sich die Leute wieder. Das ist immer so.» Der Leiter der Göttinger Angstambulanz hat auch die Reaktionen auf die Vogelgrippe, SARS und die Terroranschläge vom 11. September 2001 beobachtet. Den meisten Menschen mache die Schweinegrippe vor allem deshalb Angst, weil sie wie aus dem Nichts aufgetaucht sei und kaum beherrschbar wirke. «Alles, was neu ist, ist bedrohlich.»

Neue Gefahren würden in ihrer Bedrohlichkeit überschätzt, bekannte dagegen unterbewertet. Obwohl in Deutschland die meisten Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, habe kaum jemand wirklich Angst davor. «Viele haben schon Übergewicht oder Bluthochdruck und nehmen trotzdem nicht ab, bewegen sich zu wenig oder vergessen, ihre Medikamente zu nehmen. Sie sind dann nachlässig», sagte Bandelow. «Wenn eine Pandemie droht, ist das anders. Dann herrscht gleich Alarmbereitschaft.»

Besonders deutlich lasse sich dieses Verhalten beim HI-Virus beobachten, berichtete der Wissenschaftler. Als das Virus, das die Immunschwäche Aids auslöst, in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik auftauchte, seien die Menschen sehr aufgeregt und besorgt gewesen. Das Interesse sei dann aber rapide gesunken und heute eher gering - es sei denn, ein Fall wie der einer möglicherweise HIV-positiven, bekannten Sängerin rufe das Thema wieder ins Gedächtnis. «Am Anfang überreagieren die Menschen, und am Schluss reagieren sie zu unvorsichtig», sagte Bandelow.

Besonders in Deutschland und anderen Staaten im Norden sei die Angst vor der Grippe groß. Bandelow hat ein Nord-Süd-Gefälle beobachtet: «Menschen im Norden sind im Großen und Ganzen ängstlicher als Menschen im Süden.» Der Forscher führt diese Beobachtung auf genetische Ursachen zurück. «In Zeiten der Völkerwanderung haben im Norden vor allem die Menschen die harten Winter überlebt, die ängstlich waren und darum für die kalten Monate vorsorgten - indem sie Vorräte an Salzfisch, Knäckebrot, Pökelfleisch und Brennmaterial anlegten», erklärte er. «Die weniger ängstlichen sind verhungert oder erfroren, und die Ängstlichen haben sich vermehrt.» Etwa 50 Prozent der Ängste, die ein Mensch habe, seien genetisch bedingt.

Gespräch: Britta Schultejans, dpa

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