Vier Monate lang organisiert ein Langenfelder die Flüge der Bundeswehr im Land am Hindukusch.

Kunduz. "Freuen Sie sich auf wunderschön aufregende Flüge über Afghanistan. Wilde Landschaften, Berge, Wüste und auch grüne Landstriche. Nur hier bei uns, und das alles für nur 0,00Euro." Nach fast drei Monaten in Afghanistan hat Gerd W.* seinen Humor nicht verloren. Trotz der Raketen, die die radikal-islamischen Taliban regelmäßig auf das Feldlager der Bundeswehr in Kunduz abfeuern. Trotz der immer wiederkehrenden Nachrichten von Sprengfallen und Selbstmordattentätern, die den Einsatz der internationalen Schutztruppe Isaf (International Security Assistance Force) so gefährlich machen.

Wer das Büro des Hauptfeldwebels aus Langenfeld betritt, muss unweigerlich schmunzeln. In riesigen Lettern wirbt der 55-Jährige für seine Arbeit als Flugbucher. "(Nicht immer) täglicher Shuttle-Service zu (fast) allen Flugplätzen in Afghanistans Norden. Denken Sie dran: Wir buchen, Sie fluchen!"

Der Flugplan in Kunduz ändert sich manchmal stündlich

Eine gehörige Portion Fatalismus muss man als Flugbucher in Afghanistan mitbringen. Und starke Nerven. Auf die kann der Vater eines Sohnes (15) und einer Tochter (9) vertrauen. "Das ist ja nicht mein erster Auslandseinsatz", erzählt Gerd W. Im Jahr 2000 war er in Sarajevo, anschließend im Kosovo. Und das alles als Reservist, denn eigentlich arbeitet der 55-Jährige im Jugendamt der Stadtverwaltung Langenfeld. "Alle paar Jahre muss ich mal raus", sagt W., der bis 1986 als aktiver Soldat in den Niederlanden stationiert war. Wegen seiner Sprachkenntnisse - er spricht Niederländisch und Englisch - fällt es der Bundeswehr leicht, ihn in Krisenregionen einzusetzen.

Irgendwann landet in Kunduz jeder Soldat einmal bei Gerd W. - weil das Ende des Einsatzes naht oder ein Heimaturlaub ansteht. "Ich buche alle Flüge für die Militärs, die Vertreter des Auswärtigen Amtes und der Polizei, aber auch für die Firmen, deren Mitarbeiter hier als Zivilisten beschäftigt sind", listet der 55-Jährige auf. Mehr als 6000 Kilometer von der Heimat entfernt, führt er eine Art Reisebüro. Nur, dass er mit anderen Problemen zu kämpfen hat als ein Reisekaufmann. Denn in einem Krisengebiet, in dem sich die Sicherheitslage kontinuierlich verschlechtert, gibt es keine festen Flugzeiten.

"Der Flugplan ändert sich manchmal stündlich. Ich kann mich erst darauf verlassen, dass ein Flieger kommt, wenn er auch da ist." Deshalb hat er sich aus Spaß eine Visitenkarte mit der Aufschrift "Maybe Airlines" (=Vielleicht Airlines) zugelegt.

Gerd W. nennt sich selbst "Schreibtischtäter". "Meine Frau hat dem Einsatz nur zugestimmt, weil ich im Lager arbeite und nicht auf gefährliche Patrouillen gehe." Dass bei den Raketeneinschlägen im Lager nur mit Glück noch kein Soldat verletzt oder gar getötet wurde, verschweigt der Langenfelder. "Ich habe keine Angst, höchstens Respekt", sagt er und wechselt das Thema. Dann erzählt er von seinen täglichen Mühen als Flug-Schnittstelle für die drei Lager der Bundeswehr im Norden Afghanistans: Kunduz, Mazar-e-Sharif und Feyzabad.

"Bei schlechtem Wetter muss ich improvisieren und Flieger schon mal nach Mazar umleiten", sagt der Reservist. Denn anders als in Mazar-e-Sharif fehlen in Kunduz die Voraussetzungen für einen Instrumentenflug. "Hier sind mit der Transall nur Sichtflüge möglich." Auch bei der Kommunikation hapere es. Wenn eine Maschine Verspätung habe, frage man sich sofort: Wurde sie vielleicht abgeschossen? "Dann erkundige ich mich in Mazar, wo sie sein könnte."

Täglich zwölf Stunden an vier Telefonen und Computern

Wenn einmal mehrere Tage keine Transall oder CH-53-Hubschrauber in Kunduz landen können, gibt es weder Feldpost noch Nachschub aus Deutschland. "Dann werden die Kameraden schon mal fuchsig. Denn trotz E-Mails ist das Briefeschreiben im Einsatz sehr wichtig", weiß der Flugbucher. Deshalb sitzt er täglich zwölf Stunden an seinen vier Telefonen und Computern, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Besonders stressig sei es, wenn der Kontingentwechsel ansteht und mehrere hundert Soldaten das Feldlager verlassen, nach Hause fliegen und wieder neue ankommen. "Dann gilt es, den Transport zum Bundeswehrstützpunkt im usbekischen Termez zu organisieren, von dem aus die Truppe schließlich nach Deutschland reist." Mitte März geht es auch für Gerd W. wieder ins Rheinland, zur Familie und zurück an den Schreibtisch.Auf die Frage, was seine Isaf-Airline von anderen Fluggesellschaften unterscheidet, sagt erspontan: "Das Flugpersonal streikt nicht."

*Aus Sicherheitsgründen wird der Name des Soldaten abgekürzt.

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