Geldtransport-Fahrer Tony Musulin aus Frankreich soll mit 2,5 Millionen Euro auf der Flucht sein. Im Internet wird er von einer großen Anhängerschaft wie ein Held gefeiert.

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Das Fahndungsfoto der Polizei zeigt den mutmaßlichen Täter Musulin.

Das Fahndungsfoto der Polizei zeigt den mutmaßlichen Täter Musulin.

AFP

Das Fahndungsfoto der Polizei zeigt den mutmaßlichen Täter Musulin.

Paris. Für die französische Polizei ist Tony Musulin derzeit der meistgesuchte Kriminelle der Republik. Am vergangenen Donnerstag hatte der 39-jährige Musulin, Fahrer eines Geldtransporters, allein das Weite gesucht, als seine beiden Kollegen in einer Bank gerade Geld abholten.

Von 11,6 Millionen Euro Beute war zunächst die Rede. 9,1 Millionen konnten die Ermittler schon am Samstag aufspüren. Sie lagen in einem von Musulin unter falschem Namen gemieteten Wagen. Die Polizei hatte den Fund zunächst geheim gehalten, da sie gehofft hatten, den mutmaßlichen Dieb beim Abholen der Beute schnappen zu können.

Mit dem Rest des Geldes ist Musulin immer noch auf der Flucht. Derweil wächst im Internet eine seltsame Fangemeinde, die ihn wie einen Helden feiert. Bewunderer vergleichen ihn mit dem berühmten Kino-Meisterdieb Arsène Lupin. Allein bei der Internetplattform Facebook surft eine regelrechte Musulin-Community mit bereits Tausenden Mitgliedern auf der "Musulin-Welle".

"Genial, und das alles ohne Gewalt. Chapeau!", applaudiert einer, während ein anderer schreibt: "Hey Tony, hast du noch einen Platz in deinem Laster?" Für viele ist seine Tat schlichtweg "le coup du siècle", "das Jahrhundert-Ding". Vorläufiger Höhepunkt: Ein T-Shirt-Verkäufer bietet bereits "Tony"-Hemden an - mit Aufschriften wie "Bester Fahrer 2009".

Besonnene Stimmen sind in der Minderheit. "Arme Franzosen", bemerkt einer im Leserforum von "Le Point", "hier applaudieren sie, aber wenn sie zwei Prozent für die Sozialversicherung zahlen müssen, gehen sie auf die Barrikaden."

Der französische Gelddieb hatte möglicherweise ein deutsches Vorbild: Im August 1995 hatte ein Beamter der Autobahnpolizei Mönchengladbach, der nebenberuflich als Werttransport-Fahrer arbeitete, in der Düsseldorfer City den von ihm gefahrenen Geldtransporter ausgeräumt und war mit 3,5 Millionen D-Mark Beute zunächst spurlos verschwunden. Täter Manfred K. gelangte als "Millionen-Manni" zu gewisser Berühmtheit.

Zielfahnder der Polizei spürten ihn im Jahr 2000 in Brasilien auf. Nach zweijähriger Haft in Brasilien wurde er nach Deutschland ausgeliefert und zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Davon allerdings musste er nur noch drei Monate verbüßen.

Es bleibt ein Kriminalfall, der die Ermittler vor große Rätsel stellt. Fest steht, dass am Donnerstag massiv gegen die strengen Sicherheitsvorschriften verstoßen wurde. Mindestens ein Mann hätte den Transport sichern müssen, als Musulin am Steuer saß. Merkwürdig auch: Normalerweise dürfen nicht mehr als sechs Millionen Euro an Bord eines Geldtransporters sein.

Eine Höchstgrenze, die diesmal weit überschritten wurde. Offenbar war auch kein einziger Geldschein aus den Beständen der "Banque de France" registriert. Die Beute in Umlauf zu bringen, dürfte also ein Kinderspiel sein.

Der mutmaßliche Dieb führte ein Doppelleben - inklusive Ferrari

So rätselhaft der Millionenklau, so geheimnisvoll das Leben des Gangsters. Obwohl Tony Musulin seit zehn Jahren in Diensten des Geldtransport-Unternehmens Loomis France steht und weniger als 2.000 Euro im Monat verdiente, hatte er 100.000 Euro auf die hohe Kante gelegt. Das Konto löste er vor einer Woche auf. Außerdem besaß er neben einem alten Peugeot noch einen Ferrari, den er nur sehr diskret nutzte und im April schließlich als gestohlen meldete.

Nach außen hin gab er sich eine harmlose Fassade. Nach der Trennung von seiner Verlobten Hélène, in deren Kneipe er zeitweilig aushalf, quartierte er sich in ein preiswertes Altbau-Appartement ein. "Er war sehr höflich", zitiert die Zeitung "France Soir" einen Anwohner.

"Keinerlei Beanstandungen" heißt es bei Loomis. Hélène, die Ex-Verlobte, gibt zu Protokoll, dass er eine Firma für Luxuskarossen gegründet hatte, die ihre Geschäfte "im Norden und Osten Frankreichs" abwickelte. Außerdem soll er seine Hände in Immobiliengeschäften gehabt haben.

Für Staatsanwalt Xavier Richard steht fest, dass Musulin den Coup mit großer Präzision geplant hat. In seiner Wohnung hat er keine Spuren hinterlassen: Der Kühlschrank war ausgeräumt, sogar das Bett hatte er abgezogen.

Ermittler vermuten den Franzosen mit serbischen Wurzeln in Ex-Jugoslawien. Allerdings: Ohne das "ganz große Geld" dürfte es für Musulin schwerer werden, sich im Ausland zur Ruhe setzen. In Frankreich drohen ihm maximal drei Jahre Haft wegen schweren Diebstahls.

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