Nach den Übergriffen auf Asylbewerber ist der Flüchtlingsheim-Betreiber European Homecare ins Visier der Ermittler geraten. Am Montag stand die Polizei vor der Tür.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen European Homecare
Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Siegen erhoffen sich mehr Beweise von dem beschlagnahmten Material der Essener Firma European Homecare.

Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Siegen erhoffen sich mehr Beweise von dem beschlagnahmten Material der Essener Firma European Homecare.

Roland Weihrauch

Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Siegen erhoffen sich mehr Beweise von dem beschlagnahmten Material der Essener Firma European Homecare.

Essen (dpa) - Nach den Übergriffen auf Asylbewerber haben Ermittler die Firmenzentrale des Flüchtlingsheim-Betreibers European Homecare (EHC) in Essen durchsucht. Es sei nach Beweisen im Zusammenhang mit den Vorfällen in Burbach gesucht worden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Siegen, Johannes Daheim, am Montag auf Anfrage. In Burbach sollen private Wachleute Flüchtlinge misshandelt und gequält haben.

Nicht genannte Sicherheitskräfte hatten zuvor gegenüber dem WDR-Magazin «Westpol» Vorwürfe gegen EHC erhoben und behauptet, das Unternehmen sei über Strafmaßnahmen gegen Flüchtlinge informiert gewesen und habe sie sogar teilweise selbst angeordnet.

Man werde «selbstverständlich umfassend kooperieren» und habe «ein eigenes hohes Interesse an der Aufklärung der Vorfälle und auch Vorwürfe», teilte der Anwalt des Unternehmens, Wolfgang Küpper-Fahrenberg, mit. Die Firma habe zahlreiche Unterlagen zur Verfügung gestellt. «Ich bin sicher, dass die polizeiliche Ermittlungsarbeit ergeben wird, dass EHC im Vorfeld keine Informationen über die Vorfälle in Burbach hatte», ergänzte EHC-Chef Sascha Korte.

Auch der Geschäftsführer des in die Kritik geratenen Sicherheitsunternehmens SKI, Walter Stilper, äußerte Kritik an den Heimbetreibern, ohne dabei das Unternehmen European Homecare zu nennen. Anweisungen von Betreuern hätten in mehreren Situationen Ausschreitungen ausgelöst, sagte er der «Nürnberger Zeitung». So sei Muslimen im Ramadan verboten worden, nach 22 Uhr zu kochen. In einem Fall sei wegen eines einzigen Störenfrieds angeordnet worden, die Übertragung des Fußball-Länderspiels Deutschland-Algerien in einer Unterkunft zu unterbrechen.

Seine Mitarbeiter seien wiederholt angegriffen und schwer verletzt worden. Vonseiten der Behörden seien sie oft alleingelassen worden, sagte Stilper. So habe sich die Polizei vor zwei Wochen in Burbach trotz mehrerer Anrufe erst nach dem Ende einer Massenschlägerei blicken lassen, bei der drei seiner Mitarbeiter schwere Verletzungen wie Knochenbrüche erlitten hätten.

Die Übergriffe von Wachleuten auf Flüchtlinge machten ihn dennoch fassungslos. «Ich schäme mich entsetzlich», sagte Stilper der Zeitung. So etwas sei zuvor noch nie vorgekommen. Er selbst habe das Betreiben eines «Problemzimmers» in Burbach verboten, als er davon erfahren habe. Außerdem habe er European Homecare davon unterrichtet.

Das Zimmer sei von Sozialarbeitern mit Wissen und Billigung der Heimleitung eingerichtet worden. «Wir hätten dort 14-Jährige einsperren sollen oder auch Frauen - das ist doch vollkommen krank.» Es habe auch Anweisungen gegeben, mit den Flüchtlingen nicht zu reden.

Regierungschefin Hannelore Kraft und Innenminister Ralf Jäger (beide SPD) hatten nach Bekanntwerden der Übergriffe Versäumnisse eingeräumt und Verbesserungen angekündigt. Die danach erlassenen neuen Sicherheitsstandards für die NRW-Unterkünfte wurden am Montag vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft als «stark überarbeitungsbedürftig» kritisiert.

Die Piratenpartei beantragte wegen der Durchsuchungen eine Sondersitzung des Innenausschusses. Die CDU-Opposition im Landtag forderte von der Landesregierung unterdessen 60 Millionen Euro zusätzlich für die Unterbringung von Flüchtlingen durch die Kommunen.

Ein Sprecher des Innenministeriums sagte am Montag, wegen der stark ansteigenden Asylbewerberzahlen habe das Land seine Aufnahmekapazitäten binnen zwei Jahren von 1725 auf gut 4800 Plätze nahezu verdreifacht. Bis November soll die Kapazität noch einmal deutlich auf 6700 Plätze steigen.

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