Bergwacht-Teams holen unter Lebensgefahr letzte Habseligkeiten aus den leerstehenden Häusern in Nachterstedt.

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Auf einer Länge von 350 Metern brach am 18. Juli das Seeufer in Nachterstedt weg. Zwei Häuser stürzten 100 Meter in die Tiefe.

Auf einer Länge von 350 Metern brach am 18. Juli das Seeufer in Nachterstedt weg. Zwei Häuser stürzten 100 Meter in die Tiefe.

dpa

Auf einer Länge von 350 Metern brach am 18. Juli das Seeufer in Nachterstedt weg. Zwei Häuser stürzten 100 Meter in die Tiefe.

Nachterstedt. Lothar Gareis (71) aus Nachterstedt kämpft mit den Tränen, als er seine Modellflugzeuge in den Händen hält. Der Bergmann überlebte vor 53 Jahren ein Grubenunglück im Harz - vor drei Monaten verlor er sein Haus mit Blick auf den Concordia-Tagebausee.

Riesige Erdmassen rissen zwei Häuser am Rande der Stadt in die geflutete Grube. Der Flugzeugfan und 40 weitere Bewohner konnten nicht mehr zurück. Am Samstag gingen Bergwacht-Teams vielleicht zum letzten Mal in die Gebäude, um Habseligkeiten zu bergen.

Evakuierte Bewohner dürfen nicht selbst in ihre Häuser

Rentner Gareis will sein jahrzehntelanges Heim, in dem er eigentlich seine Rente genießen wollte, in guter Erinnerung behalten. Sein jetzt gemietetes Reihenhäuschen liegt nur 700 Meter von der Unglücksstelle entfernt.

Elefanten-Figuren mit Elfenbeinstoßzähnen, afrikanische Masken und eine Luftflieger-Karteikartensammlung standen auf der Liste der Gegenstände, die die Bergwacht dem alleinstehenden Rentner mitbringen sollte. "Natürlich wäre gerne jeder selbst gegangen", sagt Gareis. "Ich hätte aber kein Ende gefunden."

Für die Bergung der Habseligkeiten gingen rund 150 Einsatzkräfte das Risiko ein, dass es noch einmal einen Erdrutsch gibt. Letztlich sei aber alles glatt gelaufen, sagte die Sprecherin der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), Katrin Franke.

Am Morgen des 18. Juli kam es zu dem Erdrutsch in Nachterstedt (Sachsen-Anhalt). Drei Menschen wurden verschüttet und gelten als verschollen. Ursache könnte ein eingestürzter Stollen in dem ehemaligen Bergbaugebiet gewesen sein.

Es regnete zwar, doch nicht wie vor drei Monaten in Strömen. Man habe viele Messungen durchgeführt und erst dann grünes Licht gegeben. "Es gab wirklich keine Anhaltszeichen, dass sich hier etwas bewegt", sagte Franke. Das Bergbau-Unternehmen ist für die Flutung des früheren Braunkohle-Tagebaus verantwortlich. Die LMBV hatte es abgelehnt, dass die früheren Bewohner selbst in ihren Häusern suchen können.

Gareis hofft, dass er noch einmal ganz in sein Eigenheim zurückkehren kann. "Ich glaube aber, irgendwann rutschen die Häuser weg", sagt der Bergmann und muss sich mit seinem Schicksal abfinden. "Es nützt alles nichts, wir müssen nach vorne schauen", sagt auch Nachterstedts Bürgermeister Siegfried Hampe. Die Gemeinde arbeite bereits an der Erschließung eines Neubaugebiets.

"Das Unglück ist noch nicht verarbeitet - wird es auch so lange nicht, wie die Häuser da noch stehen. Die Betroffenen schauen jeden Tag auf ihre Häuser." Sie hätten viel Solidarität in den Wochen nach dem Verlust ihres Hab und Guts erhalten. "Sie wollen jetzt aber nicht mehr besonders behandelt werden. Sie sind normale Bürger."

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