Viele Briten können den Unterhalt der Tiere nicht zahlen. Sie setzen sie aus oder lassen sie einschläfern.

Krise
8000 Pferde wurden 2010 in England zur Weiterverwertung getötet.

8000 Pferde wurden 2010 in England zur Weiterverwertung getötet.

dpa

8000 Pferde wurden 2010 in England zur Weiterverwertung getötet.

London. Engländer sind Meister der Spekulationsgeschäfte. Sie verdienen Geld, indem sie auf die Hutfarbe der Queen bei Staatsbesuchen wetten oder ihr Zuhause zuallererst als Renditeobjekt sehen. Doch mit der Wirtschaftskrise sinken überall die Margen. Die traurigsten Opfer sind dabei nicht insolvente Immobilienmakler – sondern Tausende Pferde, mit denen kein Pence mehr zu machen ist. Sie werden einfach ausgesetzt, eingeschläfert oder an Zootiere verfüttert.

Abgemagerte Tiere werden zum Sterben zurückgelassen

Wenn Nicola Markwells Handy klingelt, rückt sie aus – fährt zu abgeschiedenen Bergbaugruben oder ins Niemandsland neben der Startbahn eines Flughafens. Der Anblick ist immer der Gleiche: Ein abgemagertes, verstörtes Tier, zurückgelassen zum Sterben, muss versorgt werden. Manchmal, wie letzte Woche in Cardiff, sind es gleich 23 Pferde auf einmal. „Wir hatten nicht das Herz, Nein zu sagen“, so die Sprecherin von Redwings, der größten Pferdeschutz-Organisation Großbritanniens, „aber wir platzen schon seit Langem aus allen Nähten.“

Tierschützer sprechen bereits von einer nationalen Pferdekrise – ein Zustand, mit dem Markwell mittlerweile tagtäglich konfrontiert wird. 160 Pferde hat sie 2009 aufgenommen. Vergangenes Jahr waren es mit rund 500 ausgesetzten Tieren drei Mal so viele. „Wir haben aber nur Platz für 1200“, sagt sie, „und seit Jahreswechsel sind alle Plätze belegt.“

Ponys wechseln für vier Euro den Besitzer

Anders als in Irland, wo ausgesetzte Pferde ebenfalls Schlagzeilen schreiben, kapitulieren Helfer in England vor der schieren Zahl ungewollter Rössern. 7000 Meldungen herrenloser Huftiere sind allein bei Redwings 2011 aufgelaufen. „Pferdezucht galt hier lange als einfache Verdienstquelle“, kritisiert Markwell. Doch der Markt für Pferde mit Siegerpotenzial ist klein; und für Durchschnittspferde, die übrig bleiben, haben Durchschnittsbriten mittlerweile kein Geld mehr übrig.

„Wir haben Ponys gesehen, die für vier Euro den Besitzer gewechselt haben“, sagt Markwell. Dass ein Huftier jedes Jahr seines Lebens über 5000 Euro verschlingt, unterschätzen viele. Und während Großbritannien derzeit im Kino bei der Freundschaft von Mensch und Pferd in Steven Spielbergs Hollywoodfilm „Gefährten“ mitfiebert, übergeben Tausende ihren Vierbeiner dem Schlachter. 8000 Pferde, und damit 50 Prozent mehr als im Vorjahr, wurden 2010 zur Weiterverwertung getötet. Allein eine Einrichtung profitiert von der tierischen Notlage: Zoos, so berichtet die Zeitung „Independent“, verfütterten bis zu 15 Kilo Pferdefleisch pro Tag und Tiger.

Wer helfen möchte, muss sich kein Pferd in den Garten stellen, sondern kann für 15 Euro im Jahr eine Pferdepatenschaft übernehmen – komplett mit Foto, Adoptionsurkunde und geregelten Besuchszeiten.

Zu finden ist die Hilfsaktion im Internet unter dem Stichwort „gift shop“: www.redwings.org.uk

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