In Essen finden obdachlose Jugendliche Zuflucht für eine Nacht – und Menschen, die ihnen zuhören und helfen.

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Ein junger Mann macht sein Bett in der Notunterkunft.

Ein junger Mann macht sein Bett in der Notunterkunft.

dpa

Ein junger Mann macht sein Bett in der Notunterkunft.

Essen. Ferit ist durchgefroren, als er um 21 Uhr an die Tür klopft. Um diese Uhrzeit öffnet in Essen der „Raum 58“, eine Notschlafstelle für wohnungslose Jugendliche. Den Kragen des schwarzen Parkas hochgeschlagen, die Schultern nach vorne gezogen, den Kopf gesenkt, so schlurft Ferit (Anm. der Red.: die Namen der Jugendlichen wurden geändert) in den warmen Gemeinschaftsraum.

Er ist ein alter Bekannter. Seit er vor einigen Wochen zu Hause rausgeflogen ist, verbringt er hier die Nächte, kann sich aufwärmen, bekommt eine warme Mahlzeit und ein Frühstück. Vorausgesetzt seine Taschen sind sauber: Drogen und Waffen sind tabu.

Den Jugendlichen fehlt ein Netz aus Familie und verlässlichen Freunden

Wer hierherkommt, hat einen Haufen Probleme, ist „emotional verlassen“, so nennt es Manuela Grötschel, die Leiterin der Notschlafstelle. Immer wieder Brüche im Leben und traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit seien typisch. Es fehlt das Netz aus Familie und verlässlichen Freunden, die helfen können, die eigenen Probleme in den Griff zu bekommen.

Ein sicheres Bett und ein bisschen Ruhe sucht auch Patrick. Er ist das erste Mal hier. Wenn er erzählt, wandert sein Blick unruhig zwischen Tischkante und einem Punkt irgendwo im hinteren Teil des Raumes hin und her. „Ich war nicht immer der Liebste und ich hab’ ein paar Probleme“, sagt der 18-Jährige betont lässig.

Mehr will er nicht preisgeben, nur soviel: „Als meine Mutter starb, ging es bergab. Seither habe ich was an der Psyche, sagen die Ärzte.“ Er riss immer wieder aus, lebte bei einem Kumpel und zeitweise im Wald. Im Moment, jetzt wo es Winter ist, bleibt nur die Notschlafstelle.

Manuela Grötschel zeigt Patrick seine Unterkunft für die Nacht: das karge Zweibettzimmer, die Küche, die Waschmaschine. „Hier ist Bettwäsche. Morgen bitte das Bett wieder abziehen, um neun müsst ihr raus sein.“ Vier Nächte hintereinander dürfen Jugendliche anonym hier unterkommen. Spätestens dann werden, wenn nötig, Jugendamt oder Erziehungsberechtigte verständigt, dass die Jungen und Mädchen in Sicherheit sind.

Die Mitarbeiter vermitteln an Ärzte und Therapeuten weiter

Wer ankommt, wie Patrick, führt zunächst ein Aufnahmegespräch. Auf einem Bogen kreuzen die Sozialarbeiter an, was die Jugendlichen suchen, wenn sie an die Tür klopfen. Das kann Hilfe bei Behördengängen sein, Kontakt zu Ärzten, Therapeuten und Beratungsstellen. Manchmal ist es aber auch nur ein Gespräch oder ein Ort zum Ausruhen oder ein warmes Bett, was die Jugendlichen hierher führt.

Ferit und Patrick haben in dieser Nacht ein sicheres Bett. Morgen früh um 9 Uhr geht es wieder auf die Straße.

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