Die Vereine als Herzstück des ehrenamtlichen Engagements im Land boomen. Aber für die Leitung fehlt der Nachwuchs.

Düsseldorf. Schon das Wort: Jahreshauptversammlung. Und dann die dort zu vergebenen Ämter: Erster Vorsitzender, Zweiter Vorsitzender, Schatzmeister (gerne auch Kassierer), dazu vielleicht noch ein Schriftführer. Man bekommt beim Aussprechen ein leicht staubiges Gefühl auf der Zunge. Junge Menschen mit Interesse, bitte melden!

Vereine haben als liebste Organisationsform der Deutschen keineswegs ausgedient. 600 000 Vereine bundesweit, 115 000 in NRW bilden ein Herzstück des gesellschaftlichen Engagements. Aber 600 000 Vereine bedeuten auch geschätzt zwei Millionen Vorstandsämter. Und dafür bleiben die Hände auf den Versammlungen immer öfter unten. Die Vereine leben, aber niemand will die Organisation übernehmen.

Die meisten Vereine planen die Nachfolge nicht systematisch

Christoph Becker ist das Thema vertraut. Der Referent für Bildung und Mitarbeiterentwicklung im Landessportbund (LSB) hat oft genug erlebt, dass Vereinen ihr Leitungsproblem erst auffällt, wenn die aktuelle Führung von ihren Ämtern zurücktritt. „Die Nachfolge systematisch zu planen, steht den meisten Vereinen nicht im Sinn.“ Wenn entsprechende Seminare angeboten werden, reichen die Anmeldungen kaum aus, um starten zu können.

Martin Wawrzyniak will es anders machen. Seit acht Jahren ist der 62-Jährige Vorsitzender des Turnvereins Rot-Weiss Büttenberg, im März ist er zum vierten Mal wiedergewählt worden. Die 200 Mitglieder in dem kleinen Stadtteil von Ennepetal im Ennepe-Ruhr-Kreis müssen schon seit Jahren mit einem Vorstand ohne Geschäftsführer auskommen. „Und ich habe inzwischen angedeutet, dass auch ich ein Verfallsdatum habe“, sagt Wawrzyniak.

Ein bis zwei Jahre, vielleicht länger, werde es dauern, einen Nachfolger aufzubauen, glaubt er. Also hat er einen Moderator organisiert, zwei Tage im Sport- und Tagungszentrum Hachen des LSB gebucht und 25 ehrenamtlich Aktive eingeladen. Das Thema: „Die Zukunft unseres Vereins stärken“. Immerhin 13 sind gekommen, „aber keiner unter 30. Ich weiß noch nicht, wie wir die aus der Ecke locken sollen.“

Die Teilnehmer haben sich für die nächste Zeit auf drei Schwerpunkte verständigt: Übungsleiterfindung, Mitarbeitergewinnung und Öffentlichkeitsarbeit. In Sachen Mitarbeiter ist eine Idee, nicht länger abschreckende Ämternamen feilzubieten, sondern Aufgaben zu formulieren und dann Menschen zu suchen, die daran Spaß haben.

Der Verein Rot-Weiss Büttenberg ist Christoph Krekeler womöglich kein Begriff. Aber für neue Vorstandskonzepte hat er ebenfalls ein offenes Herz. Der Jurist vertritt als Vizepräsident des Chorverbands NRW 3000 Chöre mit rund 200 000 Mitgliedern. Er plädiert schon lange dafür, sich in den Satzungen von den alten Amtsbezeichnungen zu verabschieden und einen Vorstand stattdessen nach Talenten zu besetzen. „Wenn einer gut eine Homepage gestalten kann, ist er eben Vorstandsmitglied für die Homepage.“

Gutes Organisationsmodell mit Haftungserleichterung

Man merke, so Krekeler, dass sich ein Verein im Abwärtstrend befinde, wenn Vorstandsämter nicht mehr besetzt werden können. „Das ist der Einstieg in den Abstieg.“ Dabei sei der Verein als Modell nicht tot. „Im Gegenteil, es ist ein gutes Modell, um eine Gruppe zu organisieren. Ich kenne kein anderes Rechtsinstitut mit einer ähnlichen Haftungserleichterung.“

Nach seiner Einschätzung lernen die Vereine aber zunehmend, mit einer sehr knappen Personaldecke auszukommen. Ein Trend dabei: Im Vorstand gibt es nach außen keine Einzelämter mehr, sondern nur noch ein Leitungsteam, das sich die Aufgaben untereinander zuweist. Damit sind zugleich die bei jüngeren Menschen unbeliebten Hierarchien beseitigt. In die Richtung geht auch das Ressortprinzip, das jedem ressortverantwortlichen Vorstandsmitglied selbstständige und eigenverantwortliche Leitung zugesteht.

Bleibt das zweite Problem, das mit neuen Strukturen noch nicht gelöst ist: die geringe Lust auf Kontinuität. Projektgebunden lassen sich viele Menschen für ehrenamtlichen Einsatz begeistern, auf Dauer wollen sie sich immer seltener festlegen. „Aber spätestens wenn man Leistung bringen will, erfordert das auch eine gewisse Kontinuität in der Gruppe“, sagt Krekeler. Dagegen stehe das Phänomen, „dass wir meinen, in unserer Freizeit noch unbedingt was erledigen zu müssen, während die Jugendlichen wirklich freie Zeit haben wollen.“

Auswege sucht da auch das Projekt „Engagement braucht Leadership“. Zwei Jahre lang sind an acht Standorten in NRW, darunter Wuppertal, Vereine zu Austauschforen zusammengekommen. „Das hatte drei Effekte“, sagt Projektleiter Stefan Rieker. „Die Vereinsvertreter sehen, dass es anderen auch so geht. Sie erleben, dass Vereine, die anders aufgestellt sind als der eigene, auch funktionieren. Und sie können sich etwas von anderen Vereinen abgucken.“ Im besten Fall Ideen, um eine sinnvollere Arbeitsteilung hinzubekommen, Amtszeiten klarer zu begrenzen – und Vorstandsämter wieder mit einer Portion Spaßfaktor zu versehen.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer