Vor sechs Monaten explodierte im Golf von Mexiko die BP-Bohrinsel Deepwater Horizon. Menschen und Tiere leiden noch darunter.

Washington. Ein halbes Jahr nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon hinterlässt die schlimmste Umweltkatastrophe in der amerikanischen Geschichte Spuren. Tausende Menschen, die als direkte Folge der Ölpest ums wirtschaftliche Überleben kämpfen mussten, bewegen sich nun am Rande des finanziellen Ruins.

Ökosysteme, die aus dem Gleichgewicht gebracht wurden, werden sich nach Ansicht von Experten nie richtig erholen können. Auch verseuchen nach wie vor 200 Millionen Liter Rohöl die Gewässer vor der Golfküste. Den langfristigen Schaden zu prognostizieren wagt niemand.

Nachdem es dem Ölmulti BP Anfang August gelungen war, das Bohrloch zu versiegeln, ist jenes Desaster, das seit dem 20. April fast täglich die Schlagzeilen beherrscht hatte, aus den Nachrichten so gut wie verschwunden. Dabei beschäftigen die Folgen noch gut 16 000 Spezialisten und freiwillige Helfer, die mit Aufräumungsarbeiten und der Entseuchung der Gewässer befasst sind.

Es kann immer noch zu einem Massensterben von Tieren kommen

Konteradmiral Paul Zukunft, der von Präsident Obama ernannte Sonderbeauftragte zur Koordinierung der Aufräumungsarbeiten, zieht eine nüchterne Bilanz. "Der Löwenanteil der Arbeit entfällt auf die küstennahen Sumpfgebiete in Louisiana."

Dort seien unter anderem mehrere Arten von Wasservögeln und Schildkröten vom Aussterben bedroht. Auch seien Risiken für die Grundwasserverseuchung noch keineswegs ausgeräumt.

"Sonst waren unsere Auftragsbücher vom Frühjahr bis zum Spätherbst voll."

Sue Rollins, Unternehmerin

Sam Walker von der meereswissenschaftlichen Behörde erinnert an die Folgen der Chemikalien, die eingesetzt wurden, um das Öl zu zersetzen: "Sie haben zur Entstehung riesiger Ölteppiche unter der Wasseroberfläche geführt, die den Sauerstoffgehalt absenken". Dadurch könne es weiter zu einem Massensterben von Meerestieren kommen.

Nicht zu vergessen die menschlichen Tragödien: Sue Rollins war 23 Jahre lang mit ihrem Mann Mike Inhaberin eines kleinen Charterbootunternehmens, das für Hobbyfischer Tagesausflüge organisierte. Seit der Katastrophe aber ist das Geschäft tot.

"Sonst waren unsere Auftragsbücher vom Frühjahr bis zum Spätherbst prallvoll. Die Ölpest hat aber massenweise zu Stornierungen geführt", erklärt sie. Die Rollins verloren ihr Haus und mussten Konkurs anmelden. Heute jobben sie als Tellerwäscher und Pizzalieferanten.

Trotz katastrophaler Folgen für die Umwelt ist die Regierung ist mit der Zwischenbilanz zufrieden und weist darauf hin, dass drei Viertel des Öls abgeschöpft oder zersetzt wurde. Das erklärt, warum Präsident Obama vergangene Woche wieder Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko freigab.

"Ich habe meine Zweifel", erklärt Meereswissenschaftler Michael Wiley. "Das riecht nach zu viel Nähe der Regierung mit der Ölindustrie. Eine historische Umweltkatastrophe - und ein halbes Jahr danach darf wieder gebohrt werden. Das ist viel zu gefährlich."

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