Deutsche Manager und Unternehmer lernen die Besonderheiten kennen.

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Deutsche Manager lernen, was die Niederlande über Käse und Frau Antje hinaus zu bieten haben.

Deutsche Manager lernen, was die Niederlande über Käse und Frau Antje hinaus zu bieten haben.

Michael Hammes

Deutsche Manager lernen, was die Niederlande über Käse und Frau Antje hinaus zu bieten haben.

Düsseldorf. Jörg Rose hielt sich für ziemlich anpassungsfähig. Sieben Jahre Ägypten waren kein Problem. Aber dann ging er als Geschäftsführer in die Niederlande, und seitdem kommt er sich vor "wie im falschen Film." Deshalb sitzt er an diesem Tag zusammen mit anderen Managern und Unternehmern bei der deutsch-niederländischen Handelskammer in Düsseldorf und absolviert einen Schnellkurs in niederländischer Mentalität. Eins hat er schon gleich zu Beginn gelernt: Er ist kein Einzelfall. Etwa 200 Deutsche machen sich im Jahr auf diese Art schlau.

Beide Länder sind sich auf den ersten Blick ähnlich, und die Geschäfte florieren: In diesem Jahr könnten die Niederlande sogar Frankreich als wichtigsten Importpartner Deutschlands verdrängen. Doch das Gefühl der Vertrautheit ist trügerisch, wie der Manager Nanno Fauth aus Hamburg feststellte: "Ich dachte zuerst: Die sprechen alle deutsch - das läuft wie bei uns." Ein folgenschwerer Irrtum. Er galt schnell als Control-Freak, der sich überall einmischte. "Jedes Mal, wenn ich komme, verdrehen die die Augen." An seiner Bürotür klebte eines Tages ein Schild mit der Aufschrift: "007 - Lizenz zum Ändern".

Auch die Sekretärinnen dürfen in den Firmen mitreden

Geschäftsmann Rose merkte bald, dass in einem niederländischen Unternehmen ungleich mehr Beschäftigte als in Deutschland in Entscheidungen mit eingebunden werden müssen. "Am Anfang saßen da die Sekretärinnen mit am Tisch und besprachen das neue Projekt. Da fasst du dich als Deutscher an den Kopf." Ein anderer Geschäftsführer klagt: "Ich hörte fast jeden Tag ,Nee, so geht das bei uns nicht’." Ein Unternehmer aus Moers hat die Erfahrung gemacht: "Die Grenze ist nur ein paar Kilometer entfernt, aber die Leute ticken anders."

Seminarleiterin Ursula Brinkmann, Spezialistin für "intercultural business", kennt solche Schilderungen zur Genüge. "Es bleibt faszinierend, dass ein Land, das gleich um die Ecke liegt, dennoch solche Unterschiede aufweist." Zum Einstieg verweist sie auf eine Leinwand, auf der einfach nur der Titel des Seminars und ihr Name stehen: "Führung im deutsch-niederländischen Kontext - Dr. Ursula Brinkmann". "Schon das würde ich in den Niederlanden anders machen. Weiß jemand, was ich meine?" Ja, so versiert sind die Teilnehmer mittlerweile: "Der Doktortitel müsste weg." Für Niederländer wird dadurch sofort eine unangenehme Distanz geschaffen.

Aus dem gleichen Grund wechseln sie gern schnell vom "Sie" ("U" = ü ausgesprochen) zum "Du" ("je"/"jij"). Niederländische Geschäftsleute duzen sich oft schon nach der ersten oder zweiten Begegnung. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Freundschaftsgeste oder eine Form der Kumpelhaftigkeit, und man sollte nicht glauben, dass dadurch Verhandlungen - immer bei einem "koffie" - einfacher würden. Das "Du" verpflichtet zu nichts.

Holland ist nicht die Niederlande: Heißt es nun Holland oder heißt es Niederlande? Das gesamte Land von der Wattenmeerküste bis zur belgischen Grenze heißt das Königreich der Niederlande. Hinter dem Begriff Holland verstecken sich eigentlich nur die beiden Provinzen (von insgesamt zwölf) Noord- und Zuidholland. Dennoch sagt man Holland und meint die Niederlande, das ganze Land. Das hat sich im Übrigen auch das niederländische Touristen-Büro zu eigen gemacht. Die meisten Ferienbroschüren laufen unter dem Begriff Holland - auch wenn die Anrede "Holländer" etwa in der Provinz Limburg eine Beleidigung darstellt, gelten die Holländer dort als geizig und ungastlich.

Holländer sprechen Holländisch: In den Niederlanden wird das "Algemeen Beschaafd Nederlands (ABN)" als Standardsprache gesprochen. Es gibt aber höchst unterschiedliche Dialekte: Friesisch wird von mehr als 300 000 Menschen aktiv gesprochen, der Groninger Dialekt unterscheidet sich ebenfalls stark vom Niederländischen, während man im Süden des Landes - Provinz Limburg oder Provinz Zeeland - wieder ganz anders spricht. Nicht alles, was Holländisch klingt, ist Holländisch.

Holländer Sprechen Deutsch: Deutsche sprechen Niederländer in deren Land fast ausnahmslos auf deutsch an - aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit (das gleiche tun Amerikaner oder Engländer übrigens in Deutschland). Doch immer weniger Niederländer lernen Deutsch in der Schule, Deutsch ist mittlerweile kein Pflichtfach mehr. Daher sollten Deutsche nicht gleich davon ausgehen, dass ihr Gegenüber der deutschen Sprache mächtig ist.

Holländer machen im Wohnwagen Urlaub: Wer in den Sommermonaten im Süden Urlaub macht und mit dem Pkw unterwegs ist, wird glauben: Holland macht im Wohnwagen Urlaub. Das stimmt natürlich nur zur Hälfte, denn viele Niederländer machen zu Hause Ferien oder müssen zu Hause bleiben, weil sie an der Nordseeküste, auf den Wattenmeerinseln oder in Friesland deutsche Touristen versorgen. Die anderen sind tatsächlich zu einem nicht unerheblichen Teil als Camper durch Europa unterwegs.

Holländer mögen die Deutschen nicht: In den Niederlanden existiert seit dem Zweiten Weltkrieg bei manchen ein Hass gegen alles, was aus Deutschland kommt; selbst die Jüngeren und Jüngsten machen da mit, beschimpfen deutsche Touristen als Nazis. Hat es alles gegeben und wird es auch - trotz vielfältigster Bemühungen auf beiden Seiten - immer wieder geben. Dabei resultieren die gegenseitigen Vorbehalte aus viel früheren Zeiten: Der Mensch aus den Niederlanden kommt, aus deutscher Sicht gesehen, aus einem winzigen Ländchen; der Mensch aus Deutschland, zumal nach der Wiedervereinigung, kommt aus dem großen Nachbarland. Und Leute aus einem kleinen Land sind immer ein wenig skeptisch gegenüber Leuten aus einem großen Land. Die immer wieder gern gelebten deutsch-niederländischen Fußballduelle machen es nur offenkundig. Die engen wirtschaftlichen Verflechtungen werden immer mehr dafür sorgen, dass diese Vorbehalte abgebaut werden.

Holländer rauchen Haschisch: Die niederländische Gesetzgebung behandelt den Gebrauch von Haschisch mehr oder weniger wie den Alkoholkonsum. Wer abends seinen Joint raucht, regelmäßig einen Coffeeshop mit großem Haschangebot besucht, gilt nicht schlechter als der Biertrinker, der jeden Tag in seiner Stammkneipe landet. Wen wundert es, dass der gemeine Holländer oft als Kiffbruder angesehen wird - obwohl die Zahlen ausweisen, dass die Drogenprobleme in den Niederlanden nicht die Ausmaße erreicht haben, die man in Deutschland oder Frankreich beklagt.

Holländer spielen besser Fussball: Das Spiel der niederländischen Nationalmannschaft mag meist schöner anzusehen zu sein, doch die deutsche Elf ist wesentlich erfolgreicher. Das war auch bei der WM 1974 so, wo selbst deutsche Fans von einem glücklichen Titelgewinn sprachen. Doch es gibt nicht wenige Experten, sogar niederländische, die den deutschen Sieg im Münchner Finale als verdient ansehen.

Holländer sind liberal und tolerant: "Wir und unsere Sch...-Marokkaner!" Das sagte nicht etwa der rechtspopulistische, im Mai 2002 ermordete Politiker Pim Fortuyn, sondern ein bekannter Amsterdamer Sozialdemokrat im selben Jahr. Und ein Minister der "Democraten 66" sprach von "somalischen Mist-Bengeln". Doch dagegen steht eine Jahrhunderte lange Tradition der sprichwörtlichen niederländischen Toleranz, die Liedermacher Herman van Veen mit seinem Glaubensbekenntnis "Iedereen heeft zijn eigen stem - jeder hat seine eigene Stimme" auf den Punkt bringt. Man sagt, was man denkt - und man denkt, was man sagt.

Brinkmann spricht viel über die "feminine Unternehmenskultur" der Niederlande: "Als Manager muss man sympathisch gefunden werden. Wenn man den Boss raushängen lässt, dann klappt es einfach nicht." Der schwerste Fehler überhaupt: "Man darf nie sagen, ,wir machen es jetzt deutscher’. Dann gehen die Niederländer kollektiv in den Widerstand. Sie können alles Mögliche einführen, aber Sie dürfen es nicht deutsch nennen!"

Die Niederländer arbeiten selbstständig und sind flexibel

Frage eines Teilnehmers: "Ist es ein gutes Zeichen, wenn die Leute private Sachen mit einem besprechen?" - "Auf jeden Fall", antwortet Brinkmann. Die Trennung zwischen Beruf und Privatsphäre sei bei den Nachbarn einfach viel fließender. "Man muss den Kollegen die ganze Zeit Signale geben, dass die Beziehung noch in Ordnung ist. Und man muss ihnen möglichst viel Freiraum geben." Dafür arbeiteten Niederländer dann aber auch selbstständiger und passten sich schneller an neue oder unerwartete Situationen an.

Am Abend fällt die Bilanz der Kursteilnehmer gemischt aus. Vieles ist ihnen jetzt klarer geworden, aber die Zauberformel, die sich manche wohl erhofft haben, die nehmen sie nicht mit. "Ich bin darin bestärkt worden, dass ich mit Druck nicht weiterkomme", sagt ein fränkischer Direktor, der sich jetzt in Utrecht durchschlagen muss. Aber immer auf die Leute eingehen? "Sie haben recht, wenn man es nicht gewohnt ist, ist es mühsam", sagt Brinkmann. "Aber anders werden Sie keinen Erfolg haben."

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