Debatte: Barack Obama will den Übergewichtigen in den USA zu Leibe rücken. Die wehren sich mit Medienrummel und „Fressfesten“.

Zwei Drittel der Amerikaner kämpfen mit Übergewicht.
Zwei Drittel der Amerikaner kämpfen mit Übergewicht.

Zwei Drittel der Amerikaner kämpfen mit Übergewicht.

dpa

Zwei Drittel der Amerikaner kämpfen mit Übergewicht.

Washington. So dick waren die Amerikaner nie: Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde haben zwei Drittel aller US-Bürger Übergewicht, und in keinem Land der Welt leiden so viele Kinder unter Fettleibigkeit wie in den USA. Als Folge vollzieht sich sowohl in der Gesundheitspolitik als auch im allgemeinen Bewusstsein ein Paradigmenwechsel: Spätestens seit dem Amtsantritt von Präsident Obama steht die Bekämpfung der Fettsucht im Mittelpunkt der Gesundheitsdebatte.

Nun aber schlagen übergewichtige Amerikaner zurück. Denn nicht überall stößt die "Revolution" gegen Übergewicht, angeführt von First Lady Michelle Obama, auf Begeisterung. Vertreter der Bewegung "Fat Acceptance" (Akzeptanz für Dicke), auch als "Fat Pride" (Dicker Stolz) bekannt, sorgen derzeit für Medienrummel.

Die Bewegung wurde Ende der 60er Jahre als Reaktion auf Massenmedien sowie eine Modeindustrie gegründet, die extreme Schlankheit zum Schönheitsideal erklärten. Im Wesentlichen bestand Fat Pride aus improvisierten Aktionen, beispielsweise Fressfesten in New Yorks Central Park. Teilnehmer brachten Plakate der berühmten Schauspielerin Sophia Loren, die als unfreiwilliges Vorbild diente, da sie bewies, dass auch Menschen mit "volleren Figuren" als Sex-Symbol gelten. Lange Zeit wurde es dann ruhig um die Gegner des modernen Schönheitsideals, nun melden sie sich lautstark zurück.

Sie geben Interviews, planen Veranstaltungen und schreiben Leserbriefe. Auch gibt es Literatur in Hülle und Fülle. "Fat, so?" (Fett, na und?) und der Bestseller "Don’t diet!" (Macht keine Diät!) zählen zur Stammlektüre. Beliebt ist zudem der "Fat Studies Reader", eine Sammlung von Aufsätzen, die gegen die Diskriminierung Übergewichtiger polemisch vom Leder ziehen und die Fettleibigkeit mit kreativen Argumenten zu legitimieren versuchen.

Esther Rosenblum etwa, Mitherausgeberin des "Fat Studies Reader", versucht die Fettleibigkeit so zu erklären: Demnach sind nicht Ernährung oder Gewohnheiten Ursachen des Übergewichts, sondern genetische Unterschiede, auf die selbst gewissenhaft lebende Menschen keinen Einfluss haben. Das statistisch nachgewiesene Übergewicht der Amerikaner erklärt sie mit den höheren Lebenserwartungen. Ältere sind in der Regel dicker, glaubt Rosenblum. Auch gibt es in den USA mehr Menschen lateinamerikanischer und osteuropäischer Herkunft, die typischerweise kleiner und korpulenter seien. Von Zusammenhängen zwischen Übergewicht, einem höheren Cholesterinspiegel und daraus resultierenden Herzkrankheiten wollen die Anhänger von "Fat Pride" nichts wissen. "Wir sind glücklich, so wie wir sind", erklärt Cynthia Brady aus New York, die ein Mal im Monat Fressfeste organisiert. "Lasst uns einfach in Ruhe, das gilt auch für den Präsidenten und die First Lady!"

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer