Viele Schwangere wollen den Eingriff, und die Ärzte machen mit. Die Politik sucht nach Gegenmaßnahmen.

Gesundheit
Der Bauch einer schwangeren Frau kurz vor der Niederkunft.

Der Bauch einer schwangeren Frau kurz vor der Niederkunft.

dpa

Der Bauch einer schwangeren Frau kurz vor der Niederkunft.

Düsseldorf. Es ist ein gefährlicher Eingriff und trotzdem werden Babys immer häufiger per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht. Im vergangenen Jahr wurde in nordrhein-westfälischen Krankenhäusern erstmals mehr als jedes dritte Kind auf diese Weise geboren, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Vor 20 Jahren lag der Anteil der Kaiserschnitt-Geburten bei 16,9 Prozent – seitdem hat er sich auf inzwischen 33,6 Prozent etwa verdoppelt. Bundesweit liegt NRW seit Jahren etwas über dem Durchschnitt, aber auch für ganz Deutschland gilt: Der Trend geht zum Kaiserschnitt. Nebenan in Holland wird nur bei jeder siebten Geburt die Bauchdecke der Mutter aufgeschnitten.

„Eine Geburt ohne Kontrolle macht einigen Frauen Angst.“

Nicola Bauer, Hochschule für Gesundheit in Bochum

Der Eingriff ist durchaus mit Risiken verbunden: Innere Organe können beschädigt werden, häufig verlieren Frauen mehr Blut als bei einer normalen Geburt. Auch bleiben sie nach einem Kaiserschnitt durchschnittlich länger im Krankenhaus.

Warum gibt es dennoch immer mehr Operationen? Zum einen würden mehr Frauen als Risikoschwangere eingestuft, sagt Professorin Nicola Bauer von der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Die werdenden Mütter seien im Durchschnitt älter, auch würden öfter Zwillinge geboren. „Das alleine erklärt aber nicht den großen Anstieg.“

Einige Frauen wünschen sich den Kaiserschnitt, erläutert Bauer – internationalen Studien zufolge zwei bis zehn Prozent der Schwangeren. „Das ganze Leben ist planbarer geworden. Eine Geburt ohne Kontrolle macht einigen Frauen Angst.“ Und auch die Ärzte treibt womöglich die Angst – vor einer Klage, wenn sie auf den Kaiserschnitt verzichten und sich bei der normalen Geburt Komplikationen einstellen.

NRW-Gesundheitsministerin will die hohe Eingriffsquote senken

Zudem laufen die Krankenhäuser Gefahr, Patientinnen und damit Geldeinnahmen zu verlieren – in Zeiten rückläufiger Geburtenzahlen. Der Verband Deutscher Hebammen sieht als Grund für die Zunahme vor allem eine höhere Kostenerstattung bei Kaiserschnitt-Entbindungen. Für Kliniken seien die Eingriffe lukrativer und auch besser planbar als herkömmliche Geburten. Nach Angaben der Krankenkasse DAK werden für den Kaiserschnitt etwa 2300 Euro erstattet, für eine normale Entbindung rund 1500 Euro. Selbst wenn es keine zwingenden medizinischen Gründe für den Eingriff gibt: Argumente ließen sich meist finden.

Der römische Diktator Julius Caesar (110-44 v. Chr.) soll bei der Geburt aus dem Bauch der Mutter herausgeschnitten worden sein. Aus dem Namen Caesar wiederum leitet sich das deutsche Wort „Kaiser“ ab. Allerdings wird diese Darstellung eines römischen Geschichtsschreibers als eher unwahrscheinlich eingestuft, weil Caesars Mutter einen solchen Eingriff wahrscheinlich nicht überlebt hätte. Tatsächlich starb sie erst viele Jahre nach der Geburt Caesars.

 

Das bereitet auch NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) Sorge: „Die im Vergleich zu anderen Bundesländern auffällig hohen Kaiserschnittraten legen die Vermutung nahe, dass immer wieder zumindest ein Teil der Kaiserschnitt-Geburten ohne eindeutige medizinische Indikation durchgeführt wird.“ Die Ministerin will nun die Gründe für die vielen Eingriffe ermitteln. In einigen Monaten soll ein „Kompetenzzentrum Frau und Gesundheit“ gegründet werden und Vorschläge erarbeiten, wie die hohe Kaiserschnittrate gesenkt werden kann.

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