Jan Seidel geht den großen Fragen des Lebens nach. Einmal hat der 19-jährige Gymnasiast die Philosophie-Olympiade schon gewonnen. Heute tritt er erneut an.

„Bevor ich etwas verurteile, versuche ich, die Motive anderer zu verstehen“, sagt der etwas schüchterne Jan Seidel aus Duisburg.
„Bevor ich etwas verurteile, versuche ich, die Motive anderer zu verstehen“, sagt der etwas schüchterne Jan Seidel aus Duisburg.

„Bevor ich etwas verurteile, versuche ich, die Motive anderer zu verstehen“, sagt der etwas schüchterne Jan Seidel aus Duisburg.

bb

„Bevor ich etwas verurteile, versuche ich, die Motive anderer zu verstehen“, sagt der etwas schüchterne Jan Seidel aus Duisburg.

Wenn Jan Seidel spricht, nestelt er immer wieder in seiner Jackentasche herum, blickt viel umher, so als suche er etwas. Nicht, dass er Schwierigkeiten hätte, klare Sätze und Gedanken zu formulieren. Es ist nur spürbar, dass Denken und Schreiben dem ganz in Schwarz gekleideten jungen Mann mit den langen Haaren und der Brille leichter als das Reden fallen.

Jan Seidel ist ein bisschen anders. Während sich 19-Jährige sonst auf ein neues Handy oder das erste eigene Auto freuen, sagt Seidel Sätze wie diesen: "Konsum ist lediglich eine menschliche Reaktion auf die eigene Sterblichkeit, ein Versuch, die Endlichkeit des eigenen Daseins zu verdrängen." Oder er schreibt einen Essay zum Thema Freiheit und gewinnt damit die Internationale Philosophie-Olympiade 2008.

Seidel warnt vor den Gefahren des Internets: Aufgrund der vielen Informationen könne die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem verloren gehen, Werte und Begriffe verlören somit ihren Sinn. "Ich will in einer realen Welt leben mit einer wirklichen Bedeutung, in der Worte wie Toleranz und Moral weiterhin einen hohen Stellenwert für meine Existenz mit anderen Menschen haben", schreibt der 19-Jährige.

So anders aber ist Jan Seidel auch wieder nicht. Er erzählt von seinem großen Freundeskreis, davon, wie er seine Freizeit verbringt: in Kneipen mit Kumpels bei einem Bier, mit Musik, mit Video-Abenden, beim Kraftsport. Das soll ein Ausgleich bleiben: "Ich kann diese Bereiche gut trennen und werde auch von meinen Freunden nicht in eine bestimmte Ecke gestellt. Ich will mich mit meinem Wissen auch nicht andauernd profilieren."

Natürlich ist er selbst ein Konsument. Er denkt nur darüber nach. Zwei Eigenschaften dieses jungen Mannes werden schnell deutlich: Zum einen stellt er sich gerne Fragen über das, was er "die selbstverständliche Lebenswelt" nennt, über das Leben, das Sein an sich, über die Gesellschaft und die Politik.

Es gibt nichts, was nicht zu hinterfragen wäre

Die jährliche Internationale Philosophie-Olympiade (IPO) findet in diesem Jahr vom 22. bis 26. Mai in Helsinki statt. Das Motto lautet: "Zeit und kulturelles Erbe". Mehr als 50 Schüler aus über 20 Ländern treten am heutigen Samstag in einem vierstündigen Essay-Wettbewerb gegeneinander an. Die restliche Zeit verbringen die Teilnehmer in Diskussionsrunden und Workshops. Die deutschen Teilnehmer sind Jan Seidel vom Landfermann-Gymnasium Duisburg und Raimund Rosarius vom Gymnasium am Wirteltor in Düren.

Die erste IPO fand 1993 in Bulgarien statt, organisiert von der "International Federation of Philosophical Societies". Deutschland zählt zu den Gründungsmitgliedern der Olympiade. Die Ziele: "Förderung kritischen und kreativen Denkens", "Reflexion über Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft" und "philosophische Erziehung".

In bester philosophischer Tradition gibt es bei ihm nichts, was nicht erst einmal zu hinterfragen wäre. Er halte diese Fragen, die letztlich die eigene Existenz betreffen, für relativ natürlich, sagt Seidel. Da stoße doch jeder irgendwann von selber drauf. "Naja, man sollte oder könnte zumindest darauf stoßen", korrigiert er, denn dass seine Fragen so selbstverständlich nicht sind, weiß er dann doch.

Die zweite Eigenschaft: Er will sich nicht abgrenzen. "Niemand darf sich über andere stellen oder elitär werden." Seidel stellt Fragen nicht aus dem "Elfenbeinturm", er versucht, die Augen aus den Büchern auch immer wieder auf die Welt zu richten.

Ein Beispiel. Auf die Frage, ob sich in seinem Freundeskreis auch Trinker und Internetsüchtige finden, beginnt Seidel so eine typische Seidel-Argumentation: "Es ist schon augenfällig, dass Jugend für viele Passivität oder Flucht in Alkohol und Drogen bedeutet. Ich lehne Alkohol aber gar nicht ab, er darf nur keine identitätsstiftende Rolle spielen. Und bevor ich etwas verurteile, versuche ich, die Motive anderer zu verstehen, mich einzufühlen."

Mit etwa 14 begann der Schüler des Landfermann-Gymnasiums, sich immer häufiger Fragen zu stellen. Anstoß gab der Religions-Unterricht, der ihn aufgrund seiner Skepsis zu religions-kritischen Büchern führte. Dann sei er irgendwann automatisch bei den Philosophen gelandet - und dort geblieben.

Ein Vorteil für den gebürtigen Duisburger: In Nordrhein-Westfalen ist Philosophie in der Schule so präsent wie in keinem anderen Bundesland. Von den 531 Schülern, die in diesem Jahr an der deutschen Vorentscheidung zur Internationalen Philosophie-Olympiade teilgenommen haben, kommen 401 aus NRW. Seidel hat diesen Vorentscheid übrigens 2008 und 2009 gewonnen - und kann an diesem Wochenende in Helsinki seinen Titel auch international verteidigen. "Wobei mir das jetzt nicht so wichtig ist", sagt er, und er klingt gleichermaßen bescheiden wie glaubwürdig.

Das Problem mit den Fragen, die er sich so gerne stellt: Es werden immer mehr. "Es ist nicht so, dass ich in der Philosophie viele Antworten finde. Und wenn, dann will ich da nicht stehen bleiben. Es gibt kaum letzte Begründungen", sagt der junge Denker.

Jan Seidel möchte in Bonn Bio-Medizin studieren

Seine Zukunft sieht der Duisburger, der in diesen Tagen sein Abitur voraussichtlich mit 1,0 bestehen wird, aber nicht allein in der Philosophie: Nach dem Zivildienst bei den Maltesern möchte er gerne Bio-Medizin in Bonn studieren. Er interessiert sich für Hirnforschung, die immer auch eine philosophische Komponente hat, die Frage nach der Freiheit des Willens etwa, oder der Umgang mit dem Problem, was der Mensch mit Sicherheit wissen kann - und für Bio-Ethik, für praktische Anweisungen also, was im verantwortungsvollen Umgang mit Leben erlaubt sein sollte und was nicht.

Seidel sieht die Philosophie als Impulsgeber für neue Aspekte. "Studiengänge an der Uni haben eine immer speziellere Basis, und es ist schlecht, wenn dann zwischen Natur- und Geisteswissenschaften kein Dialog mehr stattfindet, weil der gemeinsame Horizont fehlt. Philosophie kann integrieren", sagt Seidel. Der große Gelehrte Alexander von Humboldt hätte seine helle Freude an ihm gehabt.

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