NRW plant eine digitale Datenbank für ungeklärte Tötungsdelikte. Wir werfen einen Blick zurück auf einige ungelöste Fälle in der Region.

NRW plant eine digitale Datenbank für ungeklärte Tötungsdelikte. Wir werfen einen Blick zurück auf einige ungelöste Fälle in der Region.
Ungelöste Mordfälle in der Region.

Ungelöste Mordfälle in der Region.

Deborah Sassen wird seit 1996 vermisst.

Sigrid Wolf wurde 1988 mit einem Gürtel erhängt.

Vitek Cervitzky wurde in seiner Wohnung erstochen.

Claudia Ruf kehrte von einem Spaziergang nie zurück.

Polizei, Bild 1 von 5

Ungelöste Mordfälle in der Region.

Düsseldorf. Manchmal gelingt es den Tätern, jahrelang unentdeckt zu bleiben und nach außen hin ein bürgerliches Leben zu führen. Würde nicht eine der schwerwiegendsten Straftaten ihr Leben überschatten, die unser Rechtssystem kennt: Mord verjährt bekanntlich nicht – und doch liegen in Nordrhein-Westfalen zu rund 900 ungelösten mutmaßlichen Tötungsdelikten dicke Aktenordner in den Polizeibehörden. „Cold Cases“ („kalte Fälle“) nennen die Ermittler im Englischen solche Fälle, in denen nie ein Täter ausgemacht werden konnte. Die Polizei in NRW will sich nun neue Möglichkeiten in der Ermittlungsarbeit erschließen und plant unter Federführung des Landeskriminalamts (LKA), eine zentrale digitale Datenbank für ungeklärte Fälle einzurichten.

„Man muss sich das wie einen digitalen Aktenschrank vorstellen.“

Andreas Müller, LKA-Profiler

Sämtliches Wissen über zu den Akten gelegte Altfälle soll so beim LKA an zentraler Stelle systematisiert und zu einem virtuellen Archiv zusammengeführt werden. „Man muss sich das wie einen digitalen Aktenschrank vorstellen“, erklärt LKA-Profiler Andreas Müller, der für den Aufbau der Datenbank verantwortlich ist. „Darin werden nicht nur mutmaßliche Morde erfasst, sondern beispielsweise auch Vermisstenfälle, bei denen der Verdacht auf ein Tötungsdelikt vorliegt.“ Die Voraussetzung für die Aufnahme in die Cold-Case-Datenbank sei stets der Anfangsverdacht eines Kapitalverbrechens.

Die Software ermöglicht den Ermittlungsbeamten eine differenziertere Recherche zu älteren Fällen über die Grenzen der behördlichen Zuständigkeiten hinweg. „Fallparameter wie Tatzeit, Tatort oder gesicherte DNA-Spuren lassen sich so gezielt recherchieren“, erklärt Müller. Davon verspricht sich das LKA beispielsweise, einfacher mögliche Zusammenhänge zwischen Fällen herstellen und Tatmuster erkennen zu können.

Für die Polizeibehörden in NRW ist es derweil mit einem großen Aufwand verbunden, alle Daten zu den ungelösten Altfällen an das LKA zu übermitteln. Der älteste Fall ist auf das Jahr 1970 datiert. Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten, also Mord und Totschlag zusammen betrachtet, gibt Anlass zu Optimismus, lag sie doch seit 1998 immer bei über 90 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden fast 96 Prozent der in NRW erfassten Tötungsdelikte aufgeklärt.

„Die Motivation der Kollegen für diese wichtige Aufgabe ist hoch“, betont Müller. Zwar habe es auch bislang Dokumentationssysteme bei der Polizei gegeben, doch seien noch nie alle mutmaßlichen Tötungsdelikte landesweit zentral erfasst worden. NRW geht damit bei der Digitalisierung der Polizeiarbeit einen großen Schritt voran, ist Müller überzeugt. „Andere Bundesländer wollen meines Wissens nachziehen. Im LKA Schleswig-Holstein gibt es schon so eine digitale Datenbank in einer Cold-Case-Unit. Die Erfahrungen sind mir dort aber nicht bekannt.“ Es dauere noch geraume Zeit, bis das Archiv fertiggestellt ist. Müller: „Da liegt noch viel Arbeit vor uns.“

Düsseldorf

Der Vermisstenfall Deborah Sassen, genannt „Debbie“

Es ist der 13. Februar 1996, als die damals achtjährige Debbie Sassen aus Düsseldorf-Wersten zunächst mit ihrer Klasse im Schwimmbad ist und sich dann auf den Heimweg macht. Doch zuhause kommt das Mädchen nie an. Dabei liegt die damalige Wohnung der Eltern nur wenige hundert Meter von der Schule entfernt. Von einem Hinterausgang aus verlässt Debbie das Gebäude über den Schulhof, wo sie von einer Mitschülerin das letzte Mal gesehen wird. Von dort aus verliert sich ihre Spur.

Vergeblich wurde eine 40-köpfige Sonderkommission auf den Fall angesetzt – die ZDF-Sendung „XY Ungelöst“ sollte weitere Hinweise bringen. Fußballstar Mark van Bommel hielt einmal vor einem Spiel mit Tränen in den Augen ein Foto des Mädchens in die Höhe. Debbie wäre heute 30 Jahre alt.

Vielleicht wurde ihm seine gelegentliche Prahlerei zum Verhängnis: Der 68-jährige „Lemmy L.“ galt als eines der letzten Originale der zuweilen raubeinigen Oberbilker Kneipenszene. In der Öffentlichkeit zeigte er sich gern mit schwerem Goldschmuck behangen, redete gern über Geldangelegenheiten. Im Juni 2016 wurde der Oberbilker in seiner Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Mindener Straße tot aufgefunden. Kurz zuvor soll er einen Geldautomaten aufgesucht haben. Nachbarn hatten die Polizei verständigt, nachdem sie Gepolter aus der Wohnung gehört hatten.

Wie genau er zu Tode kam, dazu will die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen,. Fakt ist, dass Zeugen zwei Männer beobachtet haben, die fluchtartig die Tatwohnung verlassen haben sollen. Neue Erkenntnisse zu dem Fall gebe es aber noch nicht, sagt Staatsanwalt Matthias Ridder auf Nachfrage dieser Zeitung. „Der Fall liegt noch nicht bei den Akten. Die Ermittlungen laufen in jedem Fall weiter.“

Wuppertal

Einer der ersten Massen-Speicheltests seiner Zeit

Den Polizeibeamten bot sich ein grausamer Anblick, als sie am Nachmittag des 2. Januar 1988 eine Wohnung an der Wilkhausstraße in Wuppertal betraten: Die Leiche der damals 51-jährigen kaufmännischen Angestellten Sigrid Wolf hängt, stranguliert mit einem Ledergürtel, an der Klinke der Badezimmertür. Bluse und BH waren zerrissen, der Unterkörper entkleidet und Verletzungen im Genitalbereich ließen die Ermittler auf ein Sexualdelikt schließen. Offenbar hatte die Wuppertalerin verzweifelt um ihr Leben gekämpft.

Zuvor hatte das spätere Opfer einer Spielhalle in Wuppertal besucht. Im Jahr 2008 nutzten die Fahnder die fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und führten einen der ersten Massen-Speicheltests an über 200 Personen durch, die sich damals in dem Casino aufgehalten hatten. Doch ein Täter konnte nicht ermittelt werden.

Der Fall Bernd Brauch: ein Mord ohne Leiche?

Ein mysteriöser Vermisstenfall beherrschte im Jahr 1997 die Schlagzeilen, als der Wuppertaler Gardinenhersteller Bernd Brauch am 27. Juni spurlos verschwand. Der damals 58-jährige Geschäftsmann lebte in Trennung und hatte sich nach einem Besuch bei seiner Frau in Schwelm verabschiedet. Er habe noch eine Verabredung.

Am nächsten Tag tauchte der als höchst zuverlässig bekannte Brauch nicht in der Firma auf, woraufhin seine Frau Vermisstenanzeige erstattete. Vier Wochen später, am 24. Juli 1997, fand die Polizei dann in einem Parkhaus in der Düsseldorfer Altstadt den Mitsubishi des Wuppertalers. Das Fahrzeug war dort ordentlich geparkt. Die Kripo geht davon aus, dass der Wagen unmittelbar nach Brauchs Verschwinden dort abgestellt wurde. Im Laufe der Jahre gingen mehrere anonyme Briefe bei der Polizei ein, die den Verdacht der Ermittler nährten, dass Brauch ermordet wurde. Doch gibt es bis heute keinen Tatort. Und keine Leiche.

Solingen

Dutzende Messerstiche in einem Obdachlosenheim

Für Entsetzen sorgte auch der Fall von Vitek Cervitzky, ein zum Tatzeitpunkt 54-jähriger Bewohner eines städtischen Obdachlosenheims in Solingen, der in der Nacht zum 3. Mai 2013 in der Einrichtung erstochen wurde. Dutzende Messerstiche zeichneten seine Leiche. Ein Bekannter des Erstochenen wurde zunächst festgenommen, doch man konnte ihm nichts nachweisen. Der Mann war bereits im Vorjahr von einem Mitbewohner mit einem Küchenmesser so stark attackiert worden, dass er notoperiert werden musste.

Denn von der Tatwaffe, ein Küchenmesser mit langer Klinge, fehlt bis zum heutigen Tag jede Spur. Auch in diesem Fall erhofften sich die Ermittler von der TV-Sendung „XY Ungelöst“ die entscheidenden Hinweise und starteten einen Fahndungsaufruf. Bislang vergeblich.

Mutmaßlicher Raubmord an einer Grundschullehrerin

Ebenfalls noch offen ist bei der Mordkommission Wuppertal die Akte der ermordeten Grundschullehrerin Monica Byrne-Weesbach, die in ihrer Wohnung wohl einem Raubmord zum Opfer gefallen ist. Die gebürtige Engländerin war am 30. August 2010 tot in ihrer Wohnung in Solingen aufgefunden worden. Zunächst war die Kripo von einem natürlichen Tod ausgegangen. Erst als Angehörige feststellten, dass wertvolle Gegenstände aus ihrer Wohnung, darunter zwei Ringe, fehlten, liefen die Ermittlungen an.

Eine Obduktion bestätigte, dass die alleinstehende Solingerin getötet worden war. Selbst Flugblätter, die die Polizei in der Solinger Innenstadt verteilte, trugen nicht dazu bei, den Mörder zu finden. Unter welchen Umständen das Opfer zu Tode kam, hält die Polizei geheim, da es sich um Täterwissen handelt. Es gibt Hinweise darauf, dass die Lehrerin ihren Mörder freiwillig in die Wohnung gelassen hat – Einbruchsspuren an der Tür fanden sich nicht.

Grevenbroich

Brutaler Sexualmord an Elfjähriger

Es war der 11. Mai 1996, als die damals elfjährige Claudia Ruf aus Grevenbroich mit ihrem Dackel spazieren gegangen war. Als das Tier allein nach Hause zurückkehrte, alarmierten die besorgten Eltern die Polizei. Mehr als 150 Einsatzkräfte suchten nach dem vermissten Kind.

Der Schock folgte rund 40 Stunden später, als die Leiche des Mädchens nackt auf einem Acker im Kreis Euskirchen gefunden wurde. Eine Obduktion ergab, dass das Opfer gewürgt und sexuell missbraucht wurde. Einen Hoffnungsschimmer für die Ermittler gab es 2009, als es dank neuer Untersuchungsmethoden den Mitarbeitern des kriminaltechnologischen Labors in Düsseldorf gelungen war, molekulargenetisches Material zu sichern, das nicht dem Opfer zuzuordnen war. Ein Massen-Gentest, an dem rund 350 Männer teilnahmen, verlief ohne Ergebnis.

Wurde ihr eine geprellter Kunde zum Verhängnis? Im Internet bot eine damals 39-jährige Frau aus Remscheid ihre Dienste im „kartengestützten Hellsehen“ und „liebevoller Lebensberatung“ an. In einschlägigen Portalen warb die Speditionskauffrau für entsprechende Bezahl-Hotlines und hatte sich im umstrittenen „Weißlicht-Milieu“ ein zweites Standbein für einen Nebenverdienst aufgebaut.

Verwandte hatten Beatrix H. am 11. August 2009 in ihrer Wohnung aufgefunden. Offenbar wurde die Remscheiderin erwürgt. Ins Visier der Ermittler geriet ein 53-jähriger Mann, der dem Opfer Geld geliehen haben soll. Welche Verbindung sonst zwischen den beiden bestand, ist unklar. Aus Sicht der Ermittler hatte es mutmaßlich einen Streit um Geld gegeben. Die Kripo fahndete damals mit Hochdruck nach dem Mann, der als stark selbstmordgefährdet galt. Eines Tages fand sie einen Abschiedsbrief des Gesuchten. Seine Leiche wurde aber nie gefunden.

Krefeld

Blutige Attacke in einem Sonnenstudio

Es dürfte ein Zufall gewesen sein, dass der zum Tatzeitpunkt 26-jährige Michael Krieger just am Neujahrstag 1991 in seinem Sonnenstudio in Krefeld Inventur machte. Kurz darauf war er mit seiner Mutter verabredet. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Sein Mörder stach sechzehn Mal mit einem Messer zu, einer der Stiche traf direkt ins Herz und die Kehle des Opfers wurde zweimal durchgeschnitten.

Das Motiv liegt für die Ermittler bis heute im Dunkeln. Fakt ist, dass der Mörder mit äußerster Brutalität zu Werke geschritten ist, was für die Polizei die Vermutung einer Beziehungstat oder eines persönlichen Racheakts nahelegte. Zeugen konnten nur eine vage Beschreibung des Täters abgeben, als dieser aus dem Sonnenstudio flüchtete – sie sahen den Mann nur von hinten. Der Mörder von Michael Krieger wurde nie gefasst.

Prostituierte wurde im Bordell mit einer Peitsche erdrosselt

Es ist ein bizarrer Fall, der viele offene Fragen hinterlässt: Am 3. April 1998 wurde eine Prostituierte mit dem Decknamen „Jacqueline“ im Alter von 35 Jahren in einem Krefelder Bordell im Winnertzhof erwürgt. Die Tat geschah offenbar beim Liebesspiel, wie die Spurenlage den Ermittlern nahelegte – bei der Tatwaffe soll es sich um eine Peitsche gehandelt haben. Das sichergestellte DNA-Material unter den Nägeln der Toten konnte nie einem Täter zugeordnet werden, der sich auch mit dem Geld der Frau aus dem Staub gemacht hatte.

Bewegung kam in den Fall, als es 2007 zu einer Anklage gegen einen Familienvater kam, der 2006 den Mord an der Prostituierten gestanden hatte. Das Urteil lautete auf Freispruch. Trotz des Geständnisses hegte das Gericht erhebliche Zweifel an der Schuld des Mannes, dessen Aussage viele Ungereimtheiten aufwies. Auch konnten am Tatort keine DNA-Spuren des Beschuldigten gefunden werden. Der Fall „Jacqueline“ – ein weiterer „Cold Case“.

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