Eine Bande betrieb neun Hasch-Plantagen mit modernster Technik. Die Polizei kam den Tätern nur durch Zufall auf die Spur.

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Rund 2,6 Tonnen Drogen wird der Bande zur Last gelegt.

Rund 2,6 Tonnen Drogen wird der Bande zur Last gelegt.

dpa

Rund 2,6 Tonnen Drogen wird der Bande zur Last gelegt.

Arnsberg. Es ist der größte Fall von Cannabis-Anbau in der Geschichte der Bundesrepublik: Seit fast zwei Jahren beschäftigt er die Justiz in Arnsberg. Ein Dutzend Haupttäter und eine Vielzahl von Helfern sollen von 2000 bis 2007 insgesamt 2,6 Tonnen Marihuana produziert haben. 

Als "hoch professionell" bezeichnen Ermittler die Bande, deren Treiben nur durch Zufall aufgedeckt wurde. Einige Bandenmitglieder wurden bereits zu Strafen zwischen drei und knapp sieben Jahren Haft verurteilt. Donnerstag beginnt vor dem Arnsberger Landgericht der siebte Prozess gegen einen 41 Jahre alten Mann aus Hessen.

"Ohne das Hochwasser und Kommissar Zufall in Form der Feuerwehr wäre das nie aufgefallen", sagt der Arnsberger Oberstaatsanwalt Rainer Hummert, der die Ermittlungen gegen die Bande leitet. Im August 2007 drohte Starkregen eine Fabrikhalle im sauerländischen Sundern-Hachen unter Wasser zu setzen. Feuerwehrleute wollten den Strom abstellen und stießen dabei auf getrocknete Cannabis-Pflanzen. Die Polizei stellte 150 Kilo Drogen sicher und nahm zunächst zwei Männer fest.

Polizei beschlagnahmte insgesamt 2,6 Tonnen der Droge

Doch damit war nur die Spitze eines Eisberges angekratzt. Die Ermittler fanden einen Kontoauszug über eine Stromrechnung für eine Fabrikhalle in Hessen. Während die Drogen-Produktion im Sauerland schon fast geräumt war, stießen die Ermittler in Rodgau-Jürgesheim auf eine 2000 Quadratmeter große Halle, in der mehr als 2000 Cannabis-Pflanzen im künstlich erzeugten Wind wogten. "Wie ein Kornfeld", sagt der Oberstaatsanwalt.

"Das hat eine bisher nicht gekannte Qualität." Sowohl was die Professionalität der Zucht mit Computer-gesteuerter Bewässerung, Beleuchtung und Lüftung im Wert von mehreren Hunderttausend Euro angeht, als auch im Bezug auf den hohen Wirkstoff-Gehalt von mehr als elf Prozent. "Was die Natur nicht bringt, kann man in einer solchen Aufzuchthalle optimieren."

Das NRW-Landeskriminalamt (LKA) stellt in den vergangenen Jahren eine stetig steigende Zahl von Hasch-Plantagen insbesondere am Niederrhein fest. LKA-Sprecher Frank Scheulen: "Allein im vergangenen Jahr konnten in NRW neun Profi-Plantagen mit jeweils mehr als 1000 Cannabis-Pflanzen ausgehoben werden. Außerdem wurden 45 Groß-Plantagen mit je 100 bis 1000 Pflanzen entdeckt. Hinzu kommen natürlich noch zahlreiche Klein- und Mini-Plantagen."

Für das LKA besonders Besorgnis erregend ist der bei den Züchtungen stetig steigende Gehalt des in den Pflanzen enthaltenen Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC). LKA-Sprecher Scheulen: "In den sogenannten Indoor-Plantagen mit ihren hochmodernen Beleuchtungs-, Belüftungs- und Bewässerungssystemen ist der Wirkstoffanteil in den Pflanzen mittlerweile enorm gesteigert worden." Die Folge: "Das Zeug wirkt viel stärker und schneller als noch vor einigen Jahren - und es macht entsprechend schneller abhängig." Die Polizei betrachte die neuen Pflanzen deshalb auch nicht mehr als weiche, sondern als harte Drogen - wie Heroin.

Erst vor wenigen Tagen haben Drogenfahnder am Niederrhein eine Cannabis-Zucht mit mehr als 2000 Pflanzen in acht Überseecontainern ausgehoben. Ermittler spürten die Container mit jeweils rund 250 Pflanzen in zwei Gewerbehallen in Kempen und Bracht auf. Bei der Razzia wurden drei Männer (37, 42 und 43) festgenommen. Bei einer bundesweiten Großrazzia hatten Drogenfahnder Anfang vergangenen Jahres Hasch-Plantagen unter anderem sogar im Haus eines Richters und in der Wohnung eines Mitarbeiters der Justizvollzugsanstalt Wuppertal gefunden.

Die rund 2,6 Tonnen Drogen, die der Bande zur Last gelegt werden, reichen für rund 43 Millionen Konsumeinheiten, rechnet Hummert vor. "Theoretisch wäre das für jeden Einwohner Polens ein Joint." Insgesamt neun Fabrikhallen vor allem im Raum Frankfurt und Offenbach hatte die Bande im Laufe der Jahre angemietet.

Bis zu drei Mal pro Jahr wurde geerntet. Nach spätestens zwei Jahren wurde der Standort gewechselt: "Dann bestand die Gefahr, dass Nachbarn oder Behörden zu neugierig wurden." Offiziell wurden in den Fabrikhallen "Lichtexperimente" durchgeführt, auch um die hohen Stromrechnungen und die Verdunklung der Fenster zu rechtfertigen.

"Die haben sich Erntehelfer aus Kroatien geholt", sagt Hummert. Allerdings seien den Helfern einige Kilometer vor den Hasch-Fabriken die Augen verbunden worden, um zu verhindern, dass jemand den genauen Standort kennt. "Sie bekamen weiße Overalls an, mit Nummern auf dem Rücken, damit sich niemand mit Namen ansprach."

Der mutmaßliche Chef der Bande ist auf dem Balkan untergetaucht

Die Bande rund um den mutmaßlichen Drahtzieher, der auf dem Balkan untergetaucht sein soll, war vorsichtig. "Die haben sich zum Teil schon aus der Kindheit gekannt, von außen kam da keiner rein", sagt Hummert. Die allesamt nicht vorbestraften Haupttäter gönnten sich großzügige Gehälter und Prämien.

Nach ersten Zuchterfolgen im Keller oder auf Dachböden wurden die Anlagen immer größer. Die Ernten wurden später maschinell in Ein-Kilo-Beutel verpackt. Dann übergab man die Drogen dem in den Akten als "Finanzminister" bezeichneten mutmaßlichen Stellvertreter der Bandenchefs.

Er war nach Entdeckung der Cannabis-Fabriken nach Thailand geflohen und dort von Zielfahndern des BKA ausfindig gemacht worden. Wie und an wen dieser "Finanzminister" die Drogen weitergab, haben die Ermittler auch fast zwei Jahre nach dem Zufallsfund in der Fabrikhalle noch nicht herausgefunden.

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