Mit einem Spezialraum will Dortmund Alkoholabhängige von der Straße holen. Doch die vor einem Jahr eröffnete Einrichtung ist umstritten.

Ein Gast raucht im „Café Berta“ in Dortmund eine Zigarette zum mitgebrachten Billig-Bier. Solche Einrichtungen sollen dafür sorgen, dass Alkoholiker von der Straße kommen.
Ein Gast raucht im „Café Berta“ in Dortmund eine Zigarette zum mitgebrachten Billig-Bier. Solche Einrichtungen sollen dafür sorgen, dass Alkoholiker von der Straße kommen.

Ein Gast raucht im „Café Berta“ in Dortmund eine Zigarette zum mitgebrachten Billig-Bier. Solche Einrichtungen sollen dafür sorgen, dass Alkoholiker von der Straße kommen.

Marius Becker

Ein Gast raucht im „Café Berta“ in Dortmund eine Zigarette zum mitgebrachten Billig-Bier. Solche Einrichtungen sollen dafür sorgen, dass Alkoholiker von der Straße kommen.

Dortmund. Seit einem Jahr schauen Deutschlands Großstädte auf Dortmund. Mit einem Trinkraum wollte die Stadt Alkoholiker im Problemviertel Nordstadt von der Straße holen. Doch das „Café Berta“ in der Nähe des berüchtigten Alkoholiker-Treffpunkts am Nordmarkt bleibt umstritten. Kritiker sprechen von „betreutem Trinken“ und bezweifeln, dass das Hilfsangebot ankommt und die Alkoholabhängigen ins Warme lockt.

In dem Rückzugsraum gelten klare Regeln: Wein, Bier und Zigaretten sind erlaubt, Schnaps und Drogen verboten. Der umstrittene Trinkraum war im Dortmunder Rat gegen die Stimmen der Sozialdemokraten durchgedrückt worden.

Einrichtung wird von einem Familienunternehmen betrieben

SPD-Ratsmitglied Florian Laurenz Meyer ist noch immer nicht überzeugt. Er bezeichnet das Café sogar als neuen „Alkoholiker-Spot“. Der Kommunalpolitiker wohnt selbst in der Nordstadt und sagt: „Da in der Ecke gibt es immer noch viele Probleme. Wenn sieben Alkoholiker im Trinkraum sind, sind immer noch 70 am Nordmarkt.“

Das „Café Berta“ wird von der „European Homecare“ betrieben. Das Familienunternehmen aus Essen zieht nach einem Jahr eine positive Bilanz: „Wir sind zufrieden. Selbst im Sommer sind jetzt weniger Alkoholtrinker auf dem Nordmarkt unterwegs“, sagt Renate Walkenhorst, die Sprecherin des Unternehmens, das bisher vor allem für Asylbewerber-Einrichtungen verantwortlich war.

„Die richtigen Alkoholiker bleiben auf der Straße, da sind sie unter sich.“

Trinkerin vom Dortmunder Nordmarkt

In dem Café können Alkoholabhängige montags bis freitags von 12 bis 19 Uhr Mitgebrachtes trinken – aber nur Getränke mit geringem Alkoholgehalt wie Bier oder Wein. Ausgeschenkt werden lediglich Kaffee (40 Cent), Wasser (20 Cent) und Tee (30 Cent). Die Besucher können fernsehen, im Internet surfen oder kickern.

In Kiel besteht seit 1999 das Café „Zum Sofa“. Dort können sich Menschen, die sich sonst auf öffentlichen Plätzen bewegen würden, werktags zwischen 9 und 15 Uhr in geschützten Räumen aufhalten und auch niedrigprozentigen und selbst mitgebrachten Alkohol konsumieren. Alkoholfreie Getränke werden zum Selbstkostenpreis abgegeben. Schnaps, Drogen und Waffen sind verboten. Es gibt Toiletten, Duschen und eine Waschmaschine. Wer möchte, findet dort Streetworker und Suchtberater.

In Wuppertal betreibt der Freundes- und Förderkreis Suchtkrankenhilfe mit dem „Café Döpps“ seit 2007 eine Art Trink-raum. Hier können Suchtkranke einkehren, die sich täglich im Umfeld des Schwebebahnhofs in Elberfeld aufhalten. In Düsseldorf stand 2011 die Einrichtung eines Trinkraums zur Debatte, das Projekt wurde aber nicht weiterverfolgt.

Bis zum Projektende im November 2013 investieren Europäische Union, Bund, Land und die Stadt Dortmund 500 000 Euro in das Trinkraum-Projekt. Im Herbst muss der Stadtrat entscheiden, wie es mit dem Treffpunkt weitergeht. Vergleichbare Angebote gibt es in Gelsenkirchen, Kassel, Hamburg und Kiel.

Eltern und Anwohner haben die Stadt aktiv werden lassen

Eltern und Anwohner hatten die Stadt zum Einschreiten gegen die Alkoholiker-Szene aufgefordert. Doch an der Effektivität der neuen Einrichtung wird gezweifelt. „Die richtigen Alkoholiker bleiben auf der Straße, da sind sie unter sich“, sagt eine Frau, die oft selbst zur Flasche greift. „Auf der Straße sind wir anonym, in dem Trinkraum nicht. Ich gehe da nicht hin“, sagt ein anderer. Er trinkt sein Bier aus dem Discounter lieber am Nordmarkt.

Dabei wirkt der Trinkraum einladend: Die Wände sind in warmen Farben gestrichen, es gibt einen Billardtisch und ein Bücherregal. An der Wand hängt ein Fernseher. Die Besucher sitzen an einfachen Holztischen, spielen Karten, unterhalten sich – und trinken. Einer sagt: „Wenn ich nicht hierhin kommen könnte, hätte ich gar nichts.“

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