Wenn die einschlägigen Fachorgane für Klatsch und neugierige Nachrede Recht haben, war der „Tatort“-Ausflug bereits die letzte Helene-Fischer-Show des Jahres 2016. Es gibt keine Termine für Auftritte und TV-Sendungen. Der jungen Frau, die den fantastisch bezahlten Höllen-Job hat, Helene Fischer zu sein, würde man das von Herzen gönnen.

Helene Fischer - mit dunkler Perücke -  in der Hamburger «Tatort»-Folge «Der große Schmerz».
Helene Fischer - mit dunkler Perücke - in der Hamburger «Tatort»-Folge «Der große Schmerz».

Helene Fischer - mit dunkler Perücke - in der Hamburger «Tatort»-Folge «Der große Schmerz».

Gordon Timpen

Helene Fischer - mit dunkler Perücke - in der Hamburger «Tatort»-Folge «Der große Schmerz».

Düsseldorf. Diesen Text würde ich gern mit dem Satz „Ich habe nichts gegen Helene Fischer“ beginnen. Das Problem ist, dass dann jede Leserin und jeder Leser wüsste, was unweigerlich folgen muss: 5000 Zeichen Hass und Häme über Deutschlands erfolgreichste Schlagersängerin – und enttäuscht wäre.

Nicht, dass ich keinen Spaß an hämischen Verrissen hätte. Im Gegenteil. Ich lese bisweilen mit großem Vergnügen, wie professionelle Helene-Fischer-Verächter mit hartem Tastatur-Anschlag auf die Dame losgehen. Manchmal habe ich auch bloß Mitleid, wie sie sich an Helene vergebens abarbeiten, die Fischer einfach nicht zu fassen bekommen, um dann stattdessen das Publikum zu beleidigen und sich selbst klügelnd dafür zu feiern, dass sie Helene Fischer doof finden.

Ich halte „Atemlos“ für einen richtig guten Stadion- und Feten-Song, der keineswegs bescheuerter ist als die Besserverdiener- und Bescheidwisser-Hymnen der Toten Hosen. Und musikalisch ist „Atemlos“ auch nicht schlechter, eher im Gegenteil. Ich finde, dass Helene Fischer eine richtig gute Sängerin mit einer bewunderungswürdigen Ausdauer und Disziplin ist. Die Lied-Texte der „Hamburger Schule“ sind ebenfalls nicht alle schlauer als das, was Kristina Bach bisher für Helene Fischer geschrieben hat. Ich. Habe. Nichts. Gegen. Helene. Fischer.

Mir geht es mehr so wie Johnny Logan (ESC-Siege 1980, 1987 und 1992), der vor dem Song Contest 2011 in Düsseldorf völlig enttäuscht über Lenas Titel „Taken By A Stranger“ sagte, dieses Lied komme in seinem Herzen nicht an. In meinem Herzen kommt die ganze Helene Fischer nicht an, dabei hätte ich Platz für sie. Ich finde die meisten Schlager furchtbar, die meisten Interpreten auch, ich gehöre nicht zum Publikum. Aber ich habe einen offenen Musikgeschmack. Ich mag Musik, wenn sie gut ist – ganz gleich welche. 

Musik ereignet sich für mich aber nicht im luftleeren Raum. Der Song muss stimmen, der Text muss sitzen, und die, die ihn spielen und singen, die müssen ihn so sehr wollen, dass ich es fühlen kann. Bei Helene Fischer spüre ich nichts davon. Song gut, Text gut, Show perfekt. Aber ich sehe und höre nicht, was Helene Fischer dabei fühlt. Es ist es mehr als solides Handwerk, was sie abliefert, es ist meist hart an der Grenze des Möglichen. Aber es ist immer Handwerk. Es ist keine Kunst.

Es tat fast weh zuzusehen (in Wahrheit bin ich eingeschlafen), wie sie in ihrer Weihnachtsshow einmal quer durch das „Best of“ zeitgenössischer Musik zog, und niemand hätte sagen können, ob sie selbst von einem einzigen Lied wirklich berührt war. Zu Beginn der Show stand Helene Fischer mit Hartmut Engler auf der Bühne und sang sich durch ein Potpourri beliebtesten „Pur“-Songs (die man bekanntermaßen toll oder grausam findet).

Engler war für mich immer ein Kitsch-Clown, ein alberner Darsteller konfektionierter Gefühle von der Stange für Leute, die keine eigenen haben, und er verkörperte so ziemlich alles, was ich am Deutsch-Pop der 80er und 90er Jahre schlimm fand. Dieses bis zur klinischen Reinheit Abgeleckte, das komplett ignorant war gegenüber allen musikalisch relevanten Entwicklungen der Zeit. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass Hartmut Engler mir einmal leid tun würde. Wie er da stand und Helene Fischer im Rahmen seiner Möglichkeiten wirklich überzeugend ansang – und nichts zurückkam. Helene Fischer schwitzte nicht einmal.

Vielleicht findet Helene Fischer das besonders professionell, dass sie alles gleich behandelt. Dass sie sich nicht ein einziges Mal – zumindest nicht für mein Empfinden – wirklich exponiert. Vielleicht bin ich bloß so ungerecht wie mancher vorurteilsbeladene Konzert-Rezensent, der asiatischen Interpreten europäischer Klassik in vulgärem Rassismus grundsätzlich unterstellt, sie seien technisch versierte Abspiel-Automaten, denen es aber an kultureller Empfindung dafür mangele, was sie eigentlich spielten.

Aber vielleicht ist es auch genau das: Vielleicht fehlt es Helene Fischer nicht an Handwerk und Perfektion, sondern an echter musikalischer Sozialisation und wirklicher künstlerischer Persönlichkeit. Vielleicht hat sie das alles bloß gelernt.

Insofern war ihr Auftritt in dem hier ansonsten nicht weiter zu kommentierenden Schweiger-„Tatort“ folgerichtig. Natürlich muss Helene Fischer eine schwarze Perücke und noch grünere Kontaktlinsen (ihr Management gibt ihre leicht verwaschene Augenfarbe mit „Smaragdgrün“ an) tragen, um den Unterschied zu der Bühne-Helene klar zu machen, die selbstverständlich niemals „ficken“ sagen würde. Dass das alles irgendwie traurig ist, darf man als Gefühl wahrscheinlich nicht zulassen, wenn man weiter Helene Fischer sein will.

Wenn die einschlägigen Fachorgane für Klatsch und neugierige Nachrede Recht haben, war der „Tatort“-Ausflug bereits die letzte Helene-Fischer-Show des Jahres 2016. Es gibt keine Termine für Auftritte und TV-Sendungen. Der jungen Frau, die den fantastisch bezahlten Höllen-Job hat, Helene Fischer zu sein, würde man das von Herzen gönnen. Irgendwo in der Sonne zu liegen, unter der Dusche eine kleine schmutzige Melodie zu pfeifen und mal ganz was anderes zu machen.

Also Bye-Bye, Helene? Wahrscheinlich ist das nicht. Beim ARD-„Adventsfest der 100.000 Lichter" ihres offiziellen Lebensgefährten Florian Silbereisen kündigte sie an, sie sei „bereit, wirklich“, das Jahr 2016 „zu opfern“, um sich musikalisch und beruflich „total in die Arbeit“ zu stürzen. Neues Album, natürlich neue Stadion-Tournee. Atemlos wie immer.

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