Im sogenannten Langzeitbesuchsraum dürfen Häftlinge sich ungestört mit ihren Partnern treffen.

wza_1500x992_658794.jpeg
Eine „Liebeszelle“ in der JVA Geldern: Warme Farben, Vorhänge und ein Sofa bieten Insassen die Möglichkeit, eine Auszeit vom kargen Gefängnisleben zu nehmen und mit ihren Partnern ein paar Stunden allein zu verbringen.

Eine „Liebeszelle“ in der JVA Geldern: Warme Farben, Vorhänge und ein Sofa bieten Insassen die Möglichkeit, eine Auszeit vom kargen Gefängnisleben zu nehmen und mit ihren Partnern ein paar Stunden allein zu verbringen.

In jedem Langzeitbesuchsraum befindet sich ein Alarm-Knopf. In Remscheid wurde er nicht gedrückt.

dpa, Bild 1 von 2

Eine „Liebeszelle“ in der JVA Geldern: Warme Farben, Vorhänge und ein Sofa bieten Insassen die Möglichkeit, eine Auszeit vom kargen Gefängnisleben zu nehmen und mit ihren Partnern ein paar Stunden allein zu verbringen.

Remscheid. Es sollte einer der seltenen Nachmittage in Zweisamkeit werden. Wie immer bei ihren Besuchen in der Justizvollzugsanstalt Remscheid wird die 46-jährige Frau am Sonntag von den Beamten durchsucht, wie immer geht sie durch einen Metalldetektor. Die Anstaltsleitung geht auf Nummer sicher - niemand soll einen gefährlichen Gegenstand oder Schmuggelware mit ins Gefängnis bringen.

Die Inhaftierten dagegen werden in Remscheid nicht vor Eintritt in einen der sechs sogenannten Langzeitbesuchsräume kontrolliert. Ein Fehler, der der Freundin des verurteilten Mörders Klaus-Dieter H. das Leben kostet. Der 50-Jährige hat zwei Messer und einen Radmutterschlüssel bei sich, mit denen er die Frau tötet.

Drei Stunden, zweimal im Monat - so viel Zeit bleibt einer Beziehung

Die Langzeitbesuchsräume sollen Familien, in denen Vater oder Mutter in Haft ist, in gemütlicher Atmosphäre zusammenführen und Paaren ungestörten Kontakt ermöglichen. In den Zimmern, die Appartements ähneln, haben Partner in Remscheid zweimal im Monat mindestens drei Stunden Zeit, sich vollkommen privat zu treffen.

Kein Beamter stört und keine Kamera beobachtet sie dabei. Die Räume sind mit Sofa, Stühlen und Tisch, einer Küchenzeile und einem kleinen Bad mit Dusche ausgestattet. In Remscheid haben Paare sich in den "Liebeszellen" im vergangenen Jahr 1750 mal getroffen.

Kondome werden in NRW-Gefängnissen laut Justizministerium vom Krankenpflegedienst der JVA zur Verfügung gestellt. Ob Klaus-Dieter H. und seine Freundin dort am Sonntag Geschlechtsverkehr haben, ist unbekannt. Aber "die Auffinde-Situation des Opfers", sagt Kriminaldirektor Tobias Clauer, weise darauf hin, dass das Paar möglicherweise zuvor sexuellen Kontakt hatte.

Im Gefängnis von Siegburg misshandeln und vergewaltigen drei jugendliche Häftlinge über viele Stunden lang einen Mitgefangenen - unbemerkt vom Gefängnispersonal. Um einen Selbstmord vorzutäuschen, erhängen sie ihr Opfer (20) schließlich an einer Toilettentür.

Den Schwerverbrechern Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski gelingt die Flucht aus der JVA Aachen. Ein Wärter soll ihnen geholfen haben, der Mann kommt in U-Haft. Heckhoff wird nach drei Tagen in Mülheim gefasst, Michalski geht der Polizei zwei Tage später am Niederrhein ins Netz.

In Münster fliehen zwei Häftlinge durch ein vergittertes Oberlicht einer Toilette auf das Flachdach der Werkhalle des Gefängnisses. Von dort rutschten sie an einer Regenrinne herunter ins Freie. Nach einer Woche werden die beiden Männer im Ruhrgebiet gefasst.

Ein 17-Jähriger berichtet, im Gefängnis Herford von vier Mitgefangenen misshandelt worden zu sein. Die Gewalt unter Gefangenen geht in NRW allerdings seit Jahren zurück. Seit 2007 habe sich die Zahl der Verdachtsfälle von 53 auf 26 im vergangenen Jahr halbiert, berichtet das Justizministerium.

In jedem dieser Räume befindet sich ein Alarmknopf für den Notfall. Warum das Opfer in Remscheid ihn nicht gedrückt hat, ist noch unklar. Er ist aber laut Ministerium funktionsfähig. Hilfeschreie waren nach Angaben von Gefängnisleiterin Katja Grafweg nicht zu hören.

In zwölf NRW-Strafanstalten gibt es solche Langzeitbesuchsräume. Die Idee dazu stammt aus Spanien. Mitglieder des NRW-Landtages brachten sie 1987 nach einer Informationsreise in spanischen Strafanstalten mit. Anfangs war der Besuch der Langzeiträume nur Ehepartnern gestattet. Inzwischen sind die Regeln lockerer, sodass man sich dort auch treffen kann, wenn man in einer "besonders förderungswürdigen Beziehung" lebt.

Dazu gehören Partnerschaften, die seit mindestens einem Jahr bestehen sowie gleichgeschlechtliche Beziehungen. "Besonders förderungswürdig bedeutet, dass es sich um eine ernste Beziehung handelt. Das soll den Gefangenen helfen, etwas gelassener und fröhlicher zu werden und ihre Beziehung zu stabilisieren", sagt Andrea Bögge vom NRW-Justizministeriums.

Bereits zweimal ist es zu Vorfällen in "Liebeszellen" gekommen

Die Partner, die Inhaftierte in Langzeitbesuchsräumen treffen, werden laut Justizministerium vorher von Vollzugsbeamten überprüft und vor jedem Besuch durchsucht. Und auch die Häftlinge sollen laut Bögge durchsucht werden. Das ist in Remscheid nicht geschehen.

Und das, obwohl die Anstaltsleitung hätte vorgewarnt sein müssen. Denn bislang hat es in diesen Räumen nach Justizangaben schon zwei Vorfälle gegeben: 1994 in Dortmund und 1999 in Werl. Dabei hätten die Gefangenen ihre Ehefrauen angegriffen. In beiden Fällen ist es glimpflicher als in Remscheid ausgegangen.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer