Nach dem Schock befürchten Experten, dass viele kostbare Stücke verloren sind.

Da konnte sie noch stolz strahlen: Archiv-Leiterin Bettina Schmidt-Czaia mit einem historischen Prachtstück.
Da konnte sie noch stolz strahlen: Archiv-Leiterin Bettina Schmidt-Czaia mit einem historischen Prachtstück.

Da konnte sie noch stolz strahlen: Archiv-Leiterin Bettina Schmidt-Czaia mit einem historischen Prachtstück.

Ohlig

Da konnte sie noch stolz strahlen: Archiv-Leiterin Bettina Schmidt-Czaia mit einem historischen Prachtstück.

Köln. Im November vergangenen Jahres legte die Kölner Verwaltung einen ersten Entwurf für eines Kulturentwicklungsplans vor, in dem ein zentrales Kapitel dem "Gedächtnis der Stadt" gewidmet war.

Darin wurde neben den historischen Architekturzeugnissen vor allem die reiche Kölner Archivlandschaft mit dem Historischen Archiv als Prunkstück betont. Am Ende des Abschnitts steht der mahnende Satz: "Ein Neubau des Archivs ist eine unabweisbare Maßnahme".

Dieser Satz hat nun durch den Einsturz des Archivgebäudes in der Kölner Severinstraße eine grausige Bestätigung erfahren. Pathetisch formuliert hat die Stadt nach den Zerstörungen 1943 nun auch noch ihr Gedächtnis verloren.

Das bedeutendste kommunale Archiv diesseits der Alpen

Die Liste der privaten Nachlässe im Archiv umfasste allein 780 Positionen und reicht von dem Soziologen Hans Mayer über den Architekten Oswald Maria Ungers bis zum Komponisten Jacques Offenbach. Der eigentliche Schatz des Hauses aber lag woanders.

Das Historische Archiv der Stadt Köln gilt als das größte kommunale Archiv diesseits der Alpen. 65000 Urkunden, 104000 Karten und Pläne und etwa 500000 Fotos machen die Geschichte der Stadt lebendig.

Nachlässe: Noch im Februar konnte die Stadt vermelden, dass sich durch einen Zukauf nun fast der gesamte Nachlass des Schriftstellersund Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll (1917 bis 1958) im Besitz des Archivs befindet.

Dokumente: Das älteste Dokument reicht ins Jahr 922 zurück, als Erzbischof Hermann I. der Äbtissin des zerstörten Klosters Gerresheim als neues Domizil das Kloster der heiligen Jungfrauen überließ. Dokumente aus Klöstern und Stiften gehörten ebenfalls zum Stolz des Archivs, genauso wie die älteste Urkunde aus dem Jahr 922. Eines der bedeutendsten Dokumente war der Verbundbrief vom 14. September 1396, die grundlegende Verfassungsurkunde der Reichsstadt Köln.

Versicherungswert: Archivalien im Versicherungswert von 400 Millionen Euro liegen jetzt im Schutt.

Besonderheiten: Weltberühmt sind die Schreinsbücher. Diese gelten laut Robert Kretzschmar, Vorsitzender des Verbands deutscher Archivare, als einzigartig und unersetzbar. "Das ist ein Häuserverzeichnis aus dem Mittelalter, alles Unikate, die so kostbar waren, dass sie in Schreinen aufbewahrt wurden."

Schadensbekämpfung: Der Adhoc-Notfallplan des Landes sieht vor, dass das Einsturzgebiet mit Planen abgedeckt wird, um das Archivgut vor Regen zu schützen. Parallel dazu wird das Archivgut geborgen, in Gitterboxen verpackt und in andere Archive verlagert. Dies geschieht zurzeit unter anderem mit Urkundenbeständen, die zum Teil gestern bereits in das Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen transportiert werden. Feuchtes Material wird vor Ort in Folie eingeschweißt und in Kühlhäusern der Region - wie es mit den Schätzen aus der Anna Amalia Bibliothek geschah - schockgefrostet, um Feuchtigkeitsschäden abzuwenden. An den Maßnahmen vor Ort sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landschaftsverbände und des Landesarchivs beteiligt.

Schadenshöhe: Laut Kretzschmar gehört das Historische Stadtarchiv Köln von seiner historischen Dimension und der Größe her zu den bedeutendsten Archiven Europas. "Das ist höchstrangiges Kulturgut, das nun zum Teil unwiederbringlich verloren ist. Die Bedeutung bemisst sich darin, dass es alles Unikate sind, die unersetzlich sind. Eine Pergamenturkunde ist nicht zu ersetzen."

Die fast lückenlose Dokumentation von Ratsprotokollen von 1396 bis 1798 gewährt einen genauen Einblick in die politische Verwaltung einer mittelalterlichen Kommune. Aber auch die gesamte preußische Geschichte bis zu den Tagen Adenauers als Oberbürgermeister war hier dokumentiert. All diese Dokumente lagerten im Magazingebäude des Historischen Archivs und dürften nun unwiederbringlich verloren sein.

Verfilmung der Dokumente ist nur ein geringer Trost

Natürlich war der Bestand reich an spektakulären Dokumenten wie beispielsweise der Gründungsurkunde der Kölner Universität von 1388 oder dem Reichsstadtprivileg von 1475. Doch es sind gerade die Aufzeichnungen des Ratsherrn Hermann Weinsberg, die zahllosen Quittungen, die Geburts- und Sterberegister oder die Handschriften, die die Kölner Bestände nicht nur für die Stadt, sondern für die Forschung weltweit zu einem unermesslichen Schatz machten.

Dass viele Dokumente verfilmt sind, dürfte dabei kein Trost sein. Vergoogelung hin oder her, wer je vor einer Urkunde aus dem 16. Jahrhunderts stand, weiß, was es mit dem viel benutzten Begriff der "Authentizität" auf sich hat.

Die Geschichte des Archivs reicht selbst bis ins 12. Jahrhundert zurück. Damals hatten allerdings die Dokumente noch in einer Kiste Platz. Als mit der Erhebung zur freien Reichsstadt die Bestände wuchsen, wurde 1406 ein eigenes Archivgewölbe im Rathaus eingerichtet.

Im 19. Jahrhundert stand die nächste Erweiterung bei St. Gereon an, und 1971 bezog man schließlich das Haus in der Severinstraße, dessen Magazingebäude damals wegen seiner natürlichen Klimatisierung als vorbildlich galt. Inzwischen platzte der Bau allerdings aus allen Nähten, war dringend sanierungsbedürftig und erste Pläne wurden auf der Tagung eines Expertengremiums vor gerade einmal drei Wochen diskutiert.

Ob die Ursache des Unglücks im U-Bahnbau unter der Severinstraße zu suchen ist, wird zu klären sein. Sollte dem so sein, dürften die Segnungen des ÖPNV noch nie so teuer erkauft worden sein.

Kulturdezernent Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff hat umgehend versichert, es werde jetzt der Notfallplan des Landes hervorgeholt. Für sofortige Restaurierung stehen die Landesrestauratoren in Düsseldorf und Münster bereit.

Der Enkel Konrad Adenauers, der Notar Konrad Adenauer, war entsetzt: "Der ganze Nachlass aus der Kölner Zeit bis 1945 lagerte dort. Für unsere Familie und die Stadt Köln ist das ein ganz schwerer Verlust." Er kritisierte in Richtung Stadt:

"Da muss ein schweres Versagen vorliegen. Es gab genügend Anzeichen, und der Einsturz hätte sicher vermieden werden können. Wenn man einen solchen Schatz hütet, ist es unverantwortlich, dessen Sicherheit auf die leichte Schulter zu nehmen."

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