Seit zwei Jahrzehnten geht Duisburg seinen Nachbarn mit immer neuen Plänen auf den Wecker, städtebauliches Unheil auf einer alten Güterbahnhofs-Brache anzurichten. Die Heimatstadt von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) findet einfach ihre Mitte nicht.

Seit zwei Jahrzehnten geht Duisburg seinen Nachbarn mit immer neuen Plänen auf den Wecker, städtebauliches Unheil auf einer alten Güterbahnhofs-Brache anzurichten. Die Heimatstadt von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) findet einfach ihre Mitte nicht.
Die „Himmelsleiter“ von Johannes Brunner und Raimund Ritz im „Forum“ an der Fußgängerzone Königstraße symbolisiert unfreiwillig den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit der Duisburger Stadtentwicklung.

Die „Himmelsleiter“ von Johannes Brunner und Raimund Ritz im „Forum“ an der Fußgängerzone Königstraße symbolisiert unfreiwillig den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit der Duisburger Stadtentwicklung.

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Die „Himmelsleiter“ von Johannes Brunner und Raimund Ritz im „Forum“ an der Fußgängerzone Königstraße symbolisiert unfreiwillig den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit der Duisburger Stadtentwicklung.

Duisburg. Aus dem „Forum“ in der Mitte der Königstraße wächst eine goldene Leiter in den Himmel. 65 Meter hoch, rund 30 Tonnen schwer, die Beschichtung soll aus Blattgold sein. Um die Leiter herum gruppieren sich über drei Etagen rund 80 Geschäfte mit zusammen 57 000 Quadratmetern Einkaufsfläche, auf denen es nichts gibt, was es nicht überallanders auch gäbe.

Die ins Wolkenkuckucksheim gerichtete Protzigkeit der Leiter, 2008 von den Münchner Künstlern Johannes Brunner und Raimund Ritz errichtet und einzigartig in der an Peinlichkeiten reichen deutschen Einkaufszentrums-Architektur, ist ein passendes Wahrzeichen für das Duisburger Unvermögen, Maß und Mitte der eigenen Stadt zu finden.

Mit dem Bau des „Forums“ wollten Stadtrat und Rathaus, die seit Jahrzehnten von der SPD dominiert werden, einen Schlussstrich unter die absurden „MultiCasa“-Pläne ihres Planungsdezernenten Jürgen Dressler ziehen. Als 1996 in der Nachbarstadt Oberhausen das „CentrO“ eröffnete, schlug Dressler mit einem Plan für das Areal des alten Güterbahnhofs zurück: 160 000 Quadratmeter Handelsfläche sollte „MultiCasa“ auf der 35 Hektar großen Brache einnehmen.

„Düsseldorf wird platt gemacht, und Paris wird Vorort von Duisburg.“

Jürgen Dressler, Ex-Planungsdezernent der Stadt Duisburg

Dem Duisburger Planungsdezernenten schwebte das größte Innenstadt-Einkaufszentrum Deutschlands vor: „Düsseldorf wird platt gemacht, und Paris wird Vorort von Duisburg“, kündigte Dressler 1998 an. Niemand lachte.

Im Laufe eines Jahrzehnts schrumpfte die „MultiCasa“-Phantasie auf 70 000 Quadratmeter Handelsfläche südlich des Hauptbahnhofs entlang der A 59. Heute, knapp 20 Jahre später, steht auf der Brache immer noch die Ruine des alten Güterbahnhofs.

Das ist ein Glück. Denn auch ohne das größte Einkaufszentrum Deutschlands pfeift die kilometerweit entfernte Innenstadt mit der viel zu langen Fußgängerzone Königstraße aus dem letzten Loch. Wenige hundert Meter nördlich der goldenen Leiter verödet am Kopf der Königstraße direkt gegenüber dem Hauptbahnhof das „Averdunk-Center“ (45 Ladenlokale; überwiegend leer). Wenige hundert Meter südlich steht die Ruine der alten Stadtbibliothek; es gibt Pläne, die wohl Papier bleiben. Die neue Bibliothek ist noch ein paar hundert Meter weiter die Königstraße runter entstanden, wo gegenüber die erst 2011 errichtete „Königsgalerie“ tapfer gegen Lehrstände in den 57 Ladenlokale ankämpft.

Wie in vielen Ruhrgebiets-Städten glaubte sich in Duisburg jahrzehntelang die SPD am Drücker, während in Wahrheit Apparatschiks mit Parteibuch-Alibi das Sagen hatten. Daran hat sich nichts geändert, seit Ralf Jäger 2005 Duisburger SPD-Chef wurde. Der NRW-Innenminister lässt die Stadt aktuell von einem ihm vertrauten früheren SPD-Landtagtagsabgeordneten als Oberbürgermeister verwalten.

Trotz mehr als 100 000 Quadratmeter miteinander konkurrierender Einzelhandelsfläche und Fußgängerzonen-Abschnitten, in denen nicht einmal mehr 1-Euro-Shops funktionieren, konnte sich der Stadtrat keine zehn Jahre lang merken, dass alles außer Sichtweite der goldenen Leiter Gift für die Innenstadt ist. Nun soll auf der Güterbahnhofs-Brache ein Designer-Outlet entstehen. Natürlich das größte Deutschlands, und wie in all den Jahren zuvor ohne seriöse Untersuchung der Folgen für die Innenstadt und das Umland.

Nach dem Aus für „MultiCasa“ sollte auf dem alten Güterbahnhof zwischenzeitlich ein riesiges Möbelhaus mit 44 000 Quadratmetern, 8000 Quadratmeter-Mitnahmemarkt und einem Hochregal-Lager der Krieger-Gruppe gebaut werden. 2010 wurde das Gelände für die Loveparade verwendet; der katastrophale Ausgang mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten ist bekannt. Von Möbelhaus ist mittlerweile keine Rede mehr. Das Outletcenter ist nun der bisherige planerische Tiefpunkt der Phantasien, die die 35 Hektar Bahn-Brache ausgelöst haben.

Planungsdezernent Dressler hat längst andere Sorgen. 2011 ging er in den Ruhestand. Im November 2016 verurteilte ihn das Landgericht Duisburg zur Zahlung von 5,75 Millionen Euro Schadenersatz im Zusammenhang mit dem finanziellen Desaster, das dem städtischen Immobilienunternehmen Gebag beim verpatzten Ausbau des Museums Küppersmühle am Innenhafen entstand; dem Vernehmen nach will Dressler nun auswandern.

Seit „MultiCasa“ hat Duisburg wie mit der Schrotflinte einen Haufen Projekte auf den Stadtplan geschossen, die in Bauskandalen endeten, einander behindern oder die Entwicklung einer städtischen Mitte unmöglich machen.

 

„Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder.“

Wagner-Ode aus dem Tannhäuser, aufgeführt zur Wiedereröffnung der Mercatorhalle nach der Sanierung

Ein Beispiel ist das „Theater am Marientor“: 1996 bis 1999 Bühne für das Musical „Les Misérables“, dann pleite, von der Stadt gekauft, seit 2007 ohne echte Verwendung. 2007 eröffnete die „Mercatorhalle Duisburg im CityPalais“ zwischen Oper und heutigem „Forum“ mit der goldenen Leiter. 2012 wurde die Halle wegen Brandschutzmängeln und Baupfusch geschlossen. Die Stadt, die den Hallenausbau (rund 40 Millionen Euro) selbst verantwortete, blieb auf den Sanierungskosten weitgehend sitzen (17 Millionen Euro). Bei der Wiedereröffnung im September 2016 mit einer Wagner-Gala wurde unter anderem aus dem Tannhäuser die Ode gesungen: „Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“.

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