Am Vorabend des großen Festes zu Ehren des Heiligen Jacobs rast der Zug in die Katastrophe. Die Menschen in Santiago sind völlig erschüttert.

Ministerpräsident Mariano Rajoy (M.) am Unglücksort
Ministerpräsident Mariano Rajoy (M.) am Unglücksort

Ministerpräsident Mariano Rajoy (M.) am Unglücksort

Helfer stützen einen verletzten Passagier.

Die Unglücksstelle gleicht einem Trümmerfeld: Die Waggons sind ineinander verkeilt.

ELOY ALONSO, Bild 1 von 3

Ministerpräsident Mariano Rajoy (M.) am Unglücksort

Santiago de Compostela. Vor den ineinander verkeilten Zugwaggons, die sich meterhoch auftürmen, liegen Leichen in einer langen Reihe. Nur notdürftig mit Decken und Handtüchern abgedeckt. „Ich hörte einen Donnerschlag“, erinnert sich María Teresa Ramos. „Leute haben geschrien. Ich sah den Zug auf der Seite liegen. Niemand hier hat je so etwas gesehen.“ Die 62-Jährige ist noch Stunden nach dem verheerenden Zugunglück kurz vor der spanischen Pilgerstadt Santiago de Compostela völlig erschüttert.

In ihrem Vorgarten sitzend beobachtet Ramos am Donnerstagmorgen die Rettungskräfte, die mit zwei riesigen weißen Kränen versuchen, die zerstörten Waggons zu bergen. Ramos und ihre Freunde waren am Mittwochabend mit Decken und Handtüchern zu der Unfallstelle direkt vor ihrer Haustür gerannt, um die Opfer zu versorgen.

Anwohner halfen mit Hacken und Hämmern, Verletzte zu befreien

Ihr Nachbar Martín Rozas half, Verletzte aus den Wracks zu ziehen und Decken über die Toten zu legen. Der 39-jährige Francisco Otero berichtet, Nachbarn hätten mit Spitzhacken, Vorschlaghämmern und Handsägen versucht, Menschen aus dem Zug zu befreien, noch bevor die Rettungskräfte eintrafen. „Das war alles so unwirklich.“ Er sei eine Minute nach dem Unfall vor Ort gewesen: Eine bedrückende Stille habe über der Unglücksstelle gelegen.

Schwer erträglich macht die Katastrophe der Umstand, dass offenbar menschliches Versagen die Ursache für das Unglück war: Der Zug fuhr in der gefährlichen Kurve, in der eine Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern gilt, vermutlich mehr als doppelt so schnell (siehe Grafik). „Ich bin 190 gefahren!“, rief der Lokführer kurz nach dem Unfall. Per Funk gab er durch: „Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen.“

Ein Waggon wurde über eine fünf Meter hohe Mauer geschleudert

Die spanische Bahn schloss ein technisches Versagen am Zug bereits am Donnerstag aus. Das Unglück ereignete sich am Vorabend des großen Jakobsfestes, das jedes Jahr am 25. Juli in der Pilgerstadt gefeiert wird. Auch die Menschen in dem Viertel, das an die Unglücksstelle rund vier Kilometer vor dem Bahnhof von Santiago angrenzt, waren schon in Feststimmung. Bis um 20.42 Uhr direkt vor ihrer Haustür der Hochgeschwindigkeitszug aus Madrid entgleiste. Einen Waggon schleuderte es sogar über die fünf Meter hohe Mauer am Bahndamm hoch auf die Straße vor den angrenzenden Häusern.

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