Nach dem Zugunfall in Oberbayern
Ministerpräsident Seehofer traf sich am Mittwoch mit einigen der 700 Rettern, die in Bad Aibling im Einsatz sind.

Ministerpräsident Seehofer traf sich am Mittwoch mit einigen der 700 Rettern, die in Bad Aibling im Einsatz sind.

Uwe Lein

Ministerpräsident Seehofer traf sich am Mittwoch mit einigen der 700 Rettern, die in Bad Aibling im Einsatz sind.

Bad Aibling. Es ist eine sonderbare Mischung: Am Tag nach dem verheerenden Zugunglück von Bad Aibling trauen viele Menschen um die Toten, gleichzeitig laufen an der Unfallstelle schon fast routiniert die Aufräumarbeiten. Für Gefühle ist bei diesem Job wenig Platz. Experten forschen intensiv nach der Ursache. Wie konnte es trotz moderner Sicherheitstechnik im Bahnverkehr passieren, dass zwei Züge frontal zusammenstoßen? 

Eines ist inzwischen gewiss: Bei dem Zugunglück - das schwerste in Bayern seit mehr als 40 Jahren und in ganz Deutschland seit 5 Jahren - starben zehn Männer im Alter zwischen 24 und 60 Jahren. Alle lebten in der Region. Unter den Toten sind auch die beiden Lokführer und ein sogenannter Lehr-Lokführer, der ausgerechnet an diesem schwarzen Faschingsdienstag routinemäßig eine Fahrt begleitete.

Menschliches Versagen? Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln noch

Noch längst nicht sicher scheint indessen zu sein, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Zwar hat die Deutsche Presse-Agentur aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass die Tragödie nahe dem oberbayerischen Rosenheim durch menschliches Versagen ausgelöst worden sein soll. Doch weder Staatsanwaltschaft noch Polizei wollen unter Verweis auf laufende Ermittlungen etwas dazu sagen.

 Nur so viel: Der Fahrdienstleiter sei bereits befragt worden. Ein dringender Tatverdacht habe sich dabei aber nicht ergeben, sagt Jürgen Thalmeier vom Polizeipräsidium in Rosenheim. Grundsätzlich auszuschließen sei menschliches Versagen natürlich nicht.

Auch Politiker halten sich bedeckt. Nach Angaben von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist noch nicht klar, ob menschliches oder technisches Versagen vorliegt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt auf die Frage nach der Ursache: «Es steht noch nicht fest.» Und Bahnchef Rüdiger Grube ergänzt: «Haben Sie Verständnis, dass ich den Untersuchungsergebnissen nicht vorgreifen möchte.»

Mittwoch gehört der Trauerarbeit

Ohnedies gehört der Mittwoch vor allem der Trauerarbeit. An der Mariensäule vor dem Rathaus von Bad Aibling haben die Menschen Blumen niedergelegt. Dutzende Kerzen wurden von Wind und Regen gelöscht. Passanten bleiben stehen, halten inne. «Das Land trauert», sagt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der am Vormittag mit einem ganzen Tross an Politikern auch von SPD und Grünen an den Unglücksort gekommen ist. Trauer eint die Parteien, die sich sonst am Aschermittwoch einen harten Schlagabtausch liefern. «Es ist eine Tragödie für das ganze Land», sagt Seehofer sichtlich erschüttert und trägt sich in ein Kondolenzbuch ein.

 Erst sprechen Seehofer und andere Spitzenpolitiker im Rathaus fast eineinhalb Stunden hinter verschlossener Tür mit den Helfern von Feuerwehr, Rotem Kreuz und anderen Organisationen, die in orangefarbenen und gelben Warnwesten gekommen sind. 700 Helfer waren tags zuvor im Einsatz gewesen, um die vielen Verletzten aus dem unwegsamen Gelände auszufliegen oder über den Mangfallkanal in Sicherheit zu bringen. Ausführlich lässt sich der Ministerpräsident berichten, wie die Arbeit gelaufen ist, ob die Helfer auch alle Geräte und Ausrüstung haben, die sie brauchen.

Seehofer: „Man ist ganz verstört, wenn man diese Bilder noch mal sieht“

Danach fährt der Tross weiter zum Unglücksort. Vier Kränze und Blumengebinde mit weiß-blauen und weiß-roten Trauerschleifen werden niedergelegt. Dann verharren die Politiker zusammen mit Helfern hauptsächlich vom Technischen Hilfswerk (THW) minutenlang in stillem Gebet an der Stelle, wo sich die Triebwagen der beiden Nahverkehrszüge ineinandergebohrt haben. Im eisigen Wind flattern die Schleifen der Gebinde. «Man ist ganz verstört, wenn man diese Bilder noch mal sieht, diese Knäuel», sagt Seehofer, inzwischen wieder im Rathaus angekommen. 

Die Knäuel zu entwirren, ist nun die Arbeit der Techniker. Schon am Dienstag war die Oberleitung entfernt worden. Nun fällen THW-Männer einige Bäume, die im Weg stehen. Von beiden Seiten sind inzwischen riesige knallrote Kräne herangefahren - «DB Netz Notfalltechnik Multitasker 1200» steht auf einem. Zunächst sind die Helfer noch mit Vorbereitungsarbeiten an den entgleisten Wagen beschäftigt. Erst am späten Nachmittag wird einer der hinteren Zugteile unter lautem Krachen vom Kran angehoben und wieder zurück aufs Gleis gesetzt.

Bis die Bergungsarbeiten zu den beiden total zerfetzten Triebwagen vordringen können, vergeht nach Einschätzung des Feuerwehr-Einsatzleiters Wolfram Höfler noch mindestens ein Tag. Ein eisigkalter stürmischer Wind und immer wieder einsetzende Schneeschauer machen die ohnedies schwierige Arbeit nicht leichter.(dpa)

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