Das normale Leben hinter sich lassen, weg vom Alltagsstress, einfach raus in die Natur: Daran hat vielleicht schon jeder einmal gedacht, doch nur wenige sind es, die es wirklich tun. Marc Freukes ist so jemand – er lebt in einem Tipi.

Aussteiger
Zuhause im Tipi: Marc Freukes lebt seine Idee vom alternativen Leben.

Zuhause im Tipi: Marc Freukes lebt seine Idee vom alternativen Leben.

Weltfremd, verrückt oder glücklich? Auf jeden Fall zieht es Marc Freukes zurück zum Ursprünglichen. Seit Anfang des Jahres wohnt er in einem Tipi-Zelt in einem Waldstück in Hessen.

Kochen am offenen Feuer ist der Alltag für den 40-jährigen Aussteiger.

Uwe Anspach, Bild 1 von 3

Zuhause im Tipi: Marc Freukes lebt seine Idee vom alternativen Leben.

Düsseldorf. Sein Waschbecken ist ein ausgehöhlter Baumstamm, er kocht an einer Feuerstelle, Wasser holt er sich aus dem Bach im nächsten Dorf. Marc Freukes liebt sein Zuhause, er will hier nicht mehr weg. Seit Jahresbeginn lebt der 40-Jährige in einem Tipi im Odenwald, umgeben von Fichten und Eichen.

Im Innern des weißen Zeltes liegt Stroh auf dem Boden, es riecht nach Rauch, Hund Rala bleibt dicht an Herrchens Seite. „Die Natur zeigt mir, was wirklich wichtig ist - und das ist im Endeffekt sehr wenig.“ Wenn es richtig kalt wird, zieht er um in ein Wigwam aus Stroh.

Vergangenes Jahr entschied Freukes, sein bisheriges Leben an den Nagel zu hängen und neu anzufangen. Der Dossenheimer suchte sich ein Kontrastprogramm aus: Früher war er Golflehrer. „Ich glaube, ich wäre irgendwann vor die Hunde gegangen“, sagt der Aussteiger und schaut auf den Waldboden vor sich. „Das hat gar nicht mehr zu mir gepasst.“

Als ihm alles zu viel wurde und er nach eigenen Worten kurz vorm Burn-out war, zog Freukes die Reißleine: Er kündigte seine Wohnung und siedelte um in den Odenwald. Der Besitzer des Waldgrundstücks habe ihm erlaubt, dort sein neues Heim einzurichten, erzählt er. „Ich habe hier die ideale Lösung gefunden.“

„Aussteigertum ist kein gesellschaftliches Phänomen“ Peter Wippermann, Trendforscher

Trendforscher Peter Wippermann sieht darin einen Extremfall – allerdings einen, der für den Wunsch vieler steht: „Die Idee, die digitale Welt zu verlassen als Gegenpol zur Vernetzung des Alltags ist zwar ein Grundtrend.“ Aussteigertum sei in Deutschland aber sehr selten: „Das sehe ich nicht als gesellschaftliches Phänomen.“

Der Journalist Jan Grossarth wollte es wissen – und ist selber ausgestiegen. Allerdings nur auf Zeit: Für drei Monate hängte er seinen Job in der Wirtschaftsredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ an den Nagel, kündigte seine Krankenversicherung und reiste zu „Menschen, die ein einfaches Leben wagen“, wie es im Untertitel seines Buches heißt. „Vom Aussteigen und Ankommen“, Jan Grossarth, Riemann, 18,95 Euro

Outdoor-Trainer Daniel Seifried schätzt, dass in Deutschland nur zwischen zehn und 50 Menschen so ein Leben führen wie Freukes. Viele seien zwar gern ein paar Wochen draußen, freuten sich dann aber auf einen vollen Kühlschrank und das eigene Bett. „Ganz auszusteigen trauen sich die meisten nicht – und es ist auch nicht einfach.“

„Duschen ist für mich mittlerweile überflüssig geworden.“
Marc Freukes, Aussteiger

Freukes Geschichte erinnert an die Freiheitssuche berühmter Aussteiger wie Christopher McCandless, dessen Geschichte unter dem Titel „Into the Wild“ verfilmt wurde. Der 22-Jährige entschied sich Anfang der 1990er Jahre für ein Leben in der Wildnis. Bei ihm nahm das Abenteuer allerdings ein furchtbares Ende: Er starb nach zwei Jahren abgemagert, entkräftet und einsam.

Freukes ist weniger radikal: Sein Tipi steht nahe der hessischen Gemeinde Grasellenbach. Ein Handy hat er dabei, allerdings gibt es im Wald nur schwachen Empfang. Auch die völlige Einsamkeit sucht der 40-Jährige nicht: Ein Wanderweg führt in der Nähe seines Tipis vorbei, Besuch von Spaziergängern hat er praktisch jeden Tag Böse Zungen könnten sagen, Freukes schummele, denn an zwei Tagen in der Woche ist er in Dossenheim im Rhein-Neckar-Kreis bei seiner Freundin.

Hier schreibt er an einem Buch über seine Erlebnisse, und dorthin wird auch seine Post geliefert. Auch eine heiße Dusche wartet auf ihn, aber das Bedürfnis danach nimmt immer mehr ab, wie er erzählt. „Duschen ist für mich mittlerweile überflüssig geworden. Waschen ist ab und zu nötig, aber hier draußen kümmert es niemanden.“ Freukes Freundin Alexandra freut sich dann aber doch über eine Reinigung. „Wenn er zu mir kommt, ist das Geruchserlebnis manchmal schon sehr intensiv“, sagt die 31-Jährige.

Sie steht trotzdem hinter seiner Entscheidung – auch wenn die Lehrerin ihm berufsbedingt nicht komplett in den Wald folgen kann. Freukes braucht zwar nicht mehr viel Geld, ist aber dennoch berufstätig: Er bietet Outdoor-Kurse an und geht zum Beispiel mit Interessierten Fliegenfischen.

Man braucht immer weniger – Überflüssiges wird weglassen

In seiner Zeit im Tipi habe er viele Ängste abgelegt, etwa vor Zecken oder unbekannten Geräuschen, erzählt der Aussteiger. Er brauche auch immer weniger. „Ich habe immer noch so viel, dass ich noch jede Menge weglassen könnte.“ Zuletzt habe er auf seine Taschenlampe verzichtet. Überflüssig – schließlich könne er mit der Sonne aufstehen und sich schlafen legen, wenn sie untergehe.

Mit Plastikbehältern hadert Freukes auch noch. „Plastik sehe ich ungern, aber es ist einfach so praktisch.“ Entsagung um jeden Preis soll es schließlich nicht sein: „Ich muss ja hier keinen Indianer imitieren.“

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