2300 angehende Polizisten haben in NRW in diesem Jahr ihre Ausbildung begonnen – so viele wie selten zuvor. Wir waren bei einem Einsatztraining in Selm dabei.

Polizeitraining im LAFP in Selm
Eine Polizeianwärterin fotografiert den fiktiven Tatort: eine verwüstete Wohnung nach einem Einbruch.

Eine Polizeianwärterin fotografiert den fiktiven Tatort: eine verwüstete Wohnung nach einem Einbruch.

Nach der geprobten Einbruchsaufnahme gehen die Polizeianwärter in die Manöverkritik.

Fabienne Heinisch untersucht die Spurenlage am Tatort – mit Mundschutz, um die Spuren nicht zu kontaminieren.

Kristin Dowe, Bild 1 von 3

Eine Polizeianwärterin fotografiert den fiktiven Tatort: eine verwüstete Wohnung nach einem Einbruch.

Selm. Entschlossen klopft Fabienne Heinisch an die Wohnungstür, als sie mit ihrem Kollegen am Einsatzort eintrifft. Ein verängstigter Herr öffnet die Tür. Das Fenster habe sich nicht mehr richtig öffnen lassen, berichtet der Mann aufgebracht und ist überzeugt: Jemand hat versucht, in seine Wohnung einzubrechen. „Bitte berühren Sie nichts, bis die Arbeit der Spurensicherung abgeschlossen ist“, mahnt die junge Polizistin und untersucht sorgfältig die Spurenlage. Kollege Benedikt Krautwald inspiziert derweil einige Fingerabdrücke an der Fensterscheibe und fotografiert den Tatort aus allen Perspektiven. Am Ende stellt das Team noch einen Schraubenzieher sicher, mit dem der Täter offenbar versucht hat, das Fenster aufzuhebeln.

„Prima, dass Sie den gefunden haben“, lobt Ausbilder Benedikt Schmeiser später in der Feedback-Runde, denn bei der Szene handelt es sich glücklicherweise nicht um einen realen Einbruch, sondern lediglich um eine Übung zur Einbruchsaufnahme im polizeilichen Trainingszentrum in Selm, das dem Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW (LAFP NRW) angehört. Gut 190 Lehrende arbeiten hier, zwei weitere Trainingszentren gibt es in NRW in Schloss Holte Stutenbrock sowie in Brühl.

Polizeitraining im LAFP in Selm
Foto: Kristin Dowe

Nach der geprobten Einbruchsaufnahme gehen die Polizeianwärter in die Manöverkritik.

Das abgeschieden liegende Gelände im südlichen Münsterland gleicht einem kleinen Dorf und erstreckt sich auf fast 90 Hektar. Ob Privatwohnung, Gaststätte oder Kiosk – so realitätsnah wie möglich werden hier unterschiedliche Einsatzszenarien nachgestellt und mit Polizeianwärtern durchgespielt. Hier im Trainingszentrum tragen sie auch erstmals zu Dienstzwecken ihre Uniform. Nur die leuchtend roten Schusswaffen am Gürtel der jungen Beamten sind aus Sicherheitsgründen in Wahrheit Attrappen.

In NRW gingen in diesem Jahr über 9000 Bewerbungen ein

Bundesweit verzeichnet die Polizei einen hohen Andrang an Bewerbern. Auch in Nordrhein-Westfalen gingen im vergangenen Jahr mehr als 9400 Bewerbungen für eine Einstellung im September dieses Jahres ein. Für die Einstellungen 2018 sind es sogar 11 200 Bewerbungen. Von allen Bundesländern war NRW 2017 Spitzenreiter bei den Neueinstellungen: Rund 2300 Stellen wurden an Rhein und Ruhr neu besetzt. Spätestens seit den Vorfällen der Kölner Silvesternacht 2015/2016 wollen die Innenminister den Personalschlüssel deutlich erhöhen und liefern sich in ihren Bundesländern einen harten Wettbewerb um die besten Köpfe.

Fabienne Heinisch konnte sich in NRW im Auswahlverfahren durchsetzen und hat ihre Entscheidung bislang nicht bereut. „Der Reiz am Polizeiberuf liegt für mich darin, dass kein Tag wie der andere ist und man als Polizistin sehr stark im Team arbeiten muss“, sagt die 18-Jährige. Ihre Eltern unterstützen ihren Berufswunsch und sind stolz auf die einzige (angehende) Polizistin in der Familie. „Die stehen zu hundert Prozent hinter mir.“

Nach dem Abschluss des Studiums haben die angehenden Polizisten in NRW, die zuvor „Beamte auf Widerruf“ waren, die Garantie, auf jeden Fall übernommen zu werden. Polizeianwärter erhalten bereits während ihres Studiums monatlich rund 1100 Euro netto.

Wer sich bei der Polizei bewerben möchte, benötigt das Abitur oder eine gleichwertige Qualifikation wie die Fachhochschulreife, einen Meisterbreif im Handwerk oder eine abgeschlossene, mindestens zweijährige Berufsausbildung mit anschließender beruflicher Tätigkeit von drei Jahren.

Doch birgt der Weg in den Polizeiberuf auch persönliche Risiken und ein gewisses Gefahrenpotenzial, was den Polizeianwärtern durchaus bewusst ist. Auch Benedikt Krautwald konnten die regelmäßigen Medienberichte über Gewalt gegen Polizisten, etwa bei einem Einsatz in der Hundertschaft beim Schutz einer Demonstration, nicht abschrecken. „Natürlich ist man in bestimmten Situationen angespannt, aber das ist eine gesunde Form der Anspannung“, sagt der 22-Jährige. „Sie sorgt dafür, dass man nicht nachlässig wird und den Respekt vor seiner Aufgabe bewahrt.“

So müssen die Polizeischüler auch bei einem Routineeinsatz wie bei einer Einbruchsaufnahme auf alles vorbereitet sein, wie sich in der Nachbesprechung der Übung herausstellt. „Bitte achtet immer darauf, dass ihr eine Wohlfühldistanz zu eurem Gegenüber einhaltet“, erklärt Benedikt Schmeiser den Kursteilnehmern, die sich eifrig Notizen machen. „Lasst die Hände immer im positiven Bereich, damit ihr nie in eine arglose Situation kommt.“ Das sei ein normales Merkmal der Eigensicherung, das einem Polizisten später in Fleisch und Blut übergehe, meint Schmeiser. Insgesamt hätten sich die Polizeischüler in ihrem ersten Rollenspiel nach dem theoretischen Unterricht sehr gut geschlagen.

Die Einsatzszenarien werden mit fortschreitender Ausbildung immer anspruchsvoller und komplexer, betont Sevinc Coskuneren, Sprecherin beim LAFP NRW: „Es ist schon ein Unterschied, ob ein Einsatz sich in nur einem oder gleich in zehn Zimmern abspielt, und ob ich es mit einem Einbruchsversuch oder einem Fall von häuslicher Gewalt zu tun habe. Da gibt es sehr viele Details zu beachten.“

Vor Fabienne Heinisch und Benedikt Krautwald liegt noch ein weiter Weg, beide befinden sich im ersten Studienjahr. Nach drei Jahren Bachelorstudium an einer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung arbeiten alle neuen Polizisten zunächst ein Jahr im Streifendienst. In Behörden mit Bereitschaftspolizei folgen darauf zwei Jahre in einer Hundertschaft. Danach haben die Beamten vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten – sie können in den Streifendienst zurückkehren oder sich beispielsweise als Ermittler in einem Kriminalkommissariat, bei der Fliegerstaffel oder als Mitglied eines Spezialeinsatzkommandos spezialisieren. Fabienne Heimisch weiß noch nicht, in welche Richtung sie sich später entwickeln möchte. „Das Studium ist ja dazu da, die eigenen Stärken auszuloten, um dann später die richtige Entscheidung treffen zu können. Dazu benötige ich noch etwas Zeit.“

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