Einwohner im sauerländischen Städtchen können fast 48000 Euro pro Jahr ausgeben.

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Bürgermeister Alfons Stumpf (SPD) vor dem Attendorner Rathaus. Statistisch gesehen geht es seinen Bürgern finanziell am besten im Land.

Bürgermeister Alfons Stumpf (SPD) vor dem Attendorner Rathaus. Statistisch gesehen geht es seinen Bürgern finanziell am besten im Land.

dpa

Bürgermeister Alfons Stumpf (SPD) vor dem Attendorner Rathaus. Statistisch gesehen geht es seinen Bürgern finanziell am besten im Land.

Attendorn. Ein Bahnübergang, drei Kirchen und mittendrin ein Kreisverkehr mit Siegessäule: Das ist Attendorn (Kreis Olpe). Hier im sauerländischen Städtchen zwischen Windrädern und dunkelgrünen Tannenwäldern sollen sie leben, die Reichen von Nordrhein-Westfalen.

Nach einer Studie des Statistischen Landesamtes haben die Attendorner die dicksten Geldbeutel im Bundesland. Genau 47.914 Euro hatte jeder von ihnen 2007 im Schnitt zur Verfügung. In ganz Nordrhein-Westfalen konnten die Menschen im selben Jahr pro Kopf durchschnittlich nur 19.290 Euro ausgeben.

Wenn Geld also die Welt regiert, muss Attendorn so etwas wie der Regierungssitz sein. "Wo so viel Geld ist, da gibt es auch eine Tasse Kaffee", scherzt der Personaldezernent der Stadt, Martin Vollmert. Neben der Tasse Kaffee gibt es in Attendorn laut Bürgermeister Alfons Stumpf (SPD) noch etwas anderes: eine Arbeitslosenquote von gerade mal rund vier Prozent. 12.500 der 24.800 Einwohner sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Wo viele Menschen einen Job haben, ist das Einkommen pro Kopf automatisch höher. Höchstverdiener aber müssen sie nicht sein.

Durchschnittseinkommen wird von einigen Reichen hochgedrückt

"Sicherlich ist das ein Ausdruck der starken mittelständischen Industrie, die stark familiär geprägt ist", deutet der Bürgermeister die aktuelle Einkommensstatistik. 100 Hektar Gewerbefläche habe die Stadt allein in den vergangenen 15 Jahren erschlossen. Insgesamt 1.400 klein- und mittelständische Unternehmen gibt es in Attendorn.

Deren Gewinne fließen in die Reichen-Statistik ein, weil die meisten Unternehmer am Ort wohnen. Trotzdem betont Stumpf: "Das ist ja erstmal nur ein Rechenergebnis." Schließlich könnten sich hinter der Statistik auch lediglich ein Multimilliardär und jede Menge Hartz-IV-Empfänger verbergen.

Im Jahr 2007 verfügte jeder Einwohner in Nordrhein-Westfalen rein rechnerisch über ein durchschnittliches Einkommen von 19.290 Euro. Wie das Statistische Landesamt mitteilt, waren das nominal 306 Euro mehr als im Vorjahr. Mit 47.914 Euro wies die Stadt Attendorn im Kreis Olpe rein rechnerisch das höchste verfügbare Einkommen je Einwohner aller 396 Städte und Gemeinden in NRW auf. Schalksmühle im Märkischen Kreis (40.834 Euro) und Bad Honnef im Rhein-Sieg-Kreis (32.495 Euro) folgten auf den Plätzen zwei und drei.

Insgesamt belief sich das verfügbare Einkommen 2007 in NRW auf rund 347,5 Milliarden Euro. Mit 186,9 Milliarden Euro entfiel davon über die Hälfte (53,8 Prozent) auf die Regierungsbezirke Düsseldorf (102,5 Milliarden Euro) und Köln (84,4 Milliarden Euro). Für die beiden Städte Köln (19,7 Milliarden Euro) und Düsseldorf (12,8 Milliarden Euro) ermittelten die Statistiker die höchsten Einkommenssummen im Lande. Damit verfügte jede(r) Einwohner(in) Köln statistisch gesehen über 19.850 Euro; in der Landeshauptstadt lag dieser Wert durchschnittlich bei 22.055 Euro.

Unter dem verfügbaren Einkommen verstehen die Statistiker die Einkommenssumme (Arbeitslohn und Einkommen aus selbstständiger Arbeit und Vermögen), die den privaten Haushalten abzüglich Steuern und Sozialabgaben und zuzüglich empfangener Sozialleistungen, durchschnittlich für Konsum- und Sparzwecke zur Verfügung steht. Diskrepanzen des Einkommens auf Gemeindeebene erklären sich vor allem durch die unterschiedlichen Gewichte der drei Einkommensarten "empfangenes Arbeitsnehmerentgelt", "unternehmerische Tätigkeit" (Betriebsüberschuss/ Selbstständigen-Einkommen) und "Vermögenseinkommen am Primäreinkommen". Das verfügbare Einkommen ist als Indikator für die finanziellen Verhältnisse der Bevölkerung in der Gemeinde zu verstehen und ermöglicht mittelbar Aussagen zur lokalen Kaufkraft, wobei die regionale Preisentwicklung jedoch unberücksichtigt bleibt.

Und tatsächlich, neben vielen Einfamilienhäusern gibt es sie auch in Attendorn, die Sozialwohnungen im Plattenbau. Auf dem Hügel über dem Sauerländer Dom zum Beispiel. Wo sind sie nun, die Höchstverdiener Nordrhein-Westfalens? "Über Geld redet man nicht", meint eine Angestellte in einer Bäckerei. Scheinbar.

Alle, die reden, wollen anonym bleiben. "Ein Ammenmärchen", ärgert sich eine Rentnerin (69) im Café. "Ich weiß doch, was ich in meinem Portemonnaie habe. Solche Summen doch nicht." Die Jobmöglichkeiten seien gut in der Stadt, sagt ein Mann (65). Aber: "Ich bin kein Höchstverdiener." Das dicke Geld gehöre wenigen Reichen.

"Wahrscheinlich liegt es daran, dass es eine gewisse Zahl von sehr Gutverdienenden gibt", interpretiert auch der Sprecher des statistischen Landesamtes, Leo Krüll, die Ergebnisse. Der Rest der Einwohner habe ein Durchschnittseinkommen. Ähnlich sieht das eine 39-jährige Attendornerin, die Mittagspause in der Fußgängerzone macht. Sie weiß: Auch in ihrer Stadt müssen wegen der Wirtschaftskrise derzeit viele sparen. "Da fällt beim ein oder anderen der Urlaub aus."

Der Großteil der Betriebe in Attendorn arbeitet für die Automobilindustrie, viele haben Kurzarbeit angemeldet, einige bereits entlassen. Mit der niedrigen Arbeitslosenquote, den - wenn auch wenigen - Höchstverdienern und damit ansehnlichen Steuereinnahmen für die Stadt könnte es wegen der Wirtschaftskrise schnell vorbei sein, meint Bürgermeister Stumpf.

Schon für 2010 erwartet er eine Millionen Euro weniger Einnahmen allein aus der Einkommenssteuer. "Möglicherweise stehen wir nächstes Jahr immer noch an der Spitze, aber dann mit einer anderen Zahl." Dann könnte die Siegessäule im Herzen Attendorns eine ganz neue Bedeutung gewinnen. Auf ihr steht in Goldbuchstaben: "Zur Erinnerung an die glorreiche Zeit".

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