Der Pastor verdiente sich sein Geld in Fabriken. Heute hilft der 75-Jährige Kindern und organisiert eine Lebensmittelausgabe.

Gesellschaft
Joachim Stobbe (75) aus Wuppertal hat lange Jahre zusammen mit Obdachlosen in einem Heim gelebt. Auch heute hilft er armen Menschen, verteilt Lebensmittel und Bekleidung.

Joachim Stobbe (75) aus Wuppertal hat lange Jahre zusammen mit Obdachlosen in einem Heim gelebt. Auch heute hilft er armen Menschen, verteilt Lebensmittel und Bekleidung.

Andreas Fischer

Joachim Stobbe (75) aus Wuppertal hat lange Jahre zusammen mit Obdachlosen in einem Heim gelebt. Auch heute hilft er armen Menschen, verteilt Lebensmittel und Bekleidung.

Wuppertal. 1969 zieht der 33-jährige Priester Joachim Stobbe in ein Essener Obdachlosenwohnheim. Sein Zimmer hat keine Heizung, kein fließend Wasser, die Toilette teilen sich die Hausbewohner auf dem Flur. Die dünnen Wände des Hauses lassen kaum Privatsphäre zu. Freiwillig möchte hier eigentlich niemand leben. Bis auf Joachim Stobbe.

Der heute 75-Jährige hat für 20 Jahre in Obdachlosenwohnheimen in Essen und Wuppertal gelebt und nebenbei in Fabriken seinen Lebensunterhalt verdient. Stobbe ist Arbeiterpriester. Er hat Theologie studiert und hält Gottesdienste – nur bekommt er sein Geld nicht von der Kirche, sondern verdient es selbst.

Der Franziskaner wählte aus freien Stücken das Leben unter den Armen. Stobbe erklärt: „Die Idee dahinter ist, zu denen zu gehen, die in der Gesellschaft nicht viel bedeuten. Ich wollte das Leben mit ihnen teilen.“

Arbeitgeber vermuteten in dem Priester einen Unruhestifter

Als Stobbe nach drei Jahren als Kaplan diese Entscheidung traf, konnten das die Wenigsten nachvollziehen. Sein Vater sagte: „Das hältst du nicht durch.“ Auch die Arbeitgeber in den Fabriken waren skeptisch.

Der Franziskaner erklärt: „Die hatten Sorge, dass ich Unruhe in den Betrieb bringen könnte.“ Einige vermuteten in Stobbe eine Art Günter Wallraff, einen Maulwurf, der insgeheim Missstände aufdecken will.

Die Bewegung stammt aus dem Frankreich der 20er und 30er Jahre. Orden wie die Dominikaner und die Franziskaner versuchten in engen Kontakt mit Arbeitern zu gelangen. 1979 sollen in Frankreich fast 1000 Priester in Fabriken gearbeitet haben.

Die Arbeiterpriester sterben aus. Das liegt unter anderem an dem Mangel an bezahlten Priestern. Die Gemeinden können es sich nicht leisten, ihre Geistlichen in Betriebe zu entsenden.

Seinen ersten Job bekam der Arbeiterpriester schließlich bei einem Presswerk in Essen. Dort schliff er Toilettenbrillen. Später, als er in Wuppertal bei einem Autozulieferer arbeitete, dachten die Kollegen, „Pastor“ wäre lediglich ein schräger Spitzname.

Im Wohnheim stand der Geistliche unter einem besonderen Schutz

In den Obdachlosenwohnheimen wusste jeder, wer er ist. Dort sind Priester gefragt. Nachts klopften die Menschen an Stobbes Tür. Wenn eine Frau neu eingezogen war und auf den Treppenstufen weinte, leistete der Geistliche seelische Unterstützung. Dafür genoss er den Schutz der Nachbarn. Die Obdachlosensiedlungen seien wie „ein Dorf ohne feste Strukturen“, sagt der Priester.

Weihnachten in der Einrichtung sei nicht viel anders gewesen als woanders auch. „Da gab es viele Großfamilien, die im engen Rahmen feierten.“ Auch die Geschenke an Heiligabend fehlten nicht. „Da machte man halt noch mehr Schulden.“

Wie konnte Stobbe, der sich selbst als eher ängstlichen Menschen beschreibt, sein neues Leben nervlich durchstehen? Der Rentner hat eine nüchterne Antwort: „Die harte Arbeit hat mir geholfen. Wenn man körperlich müde ist, ist man auch seelisch nicht mehr so empfindsam.“

Auch im Gottesdienst spricht Joachim Stobbe eine klare Sprache

Heute wohnt Stobbe in einer ehemaligen Pfarrwohnung in Wuppertal-Langerfeld, für die er dem örtlichen Kirchengemeindeverband eine kleine Miete zahlt. Sein Leben als Arbeiter endete, als er mit 500 anderen bei seinem letzten Wuppertaler Arbeitgeber entlassen wurde. Zu alt, keine Kinder – auf dem Papier sprach nicht viel für Stobbe. Kurze Zeit später wurde er Frührentner.

Er engagiert sich jedoch weiterhin, gibt Kindern Hausaufgabenhilfe und organisiert bei einer Lebensmittelausgabe mit. Doch seine Zeit als Arbeiter hat er nicht vergessen. Joachim Stobbe sagt: „Alles was man erlebt, formt einen.“ Das merke man manchmal noch in seinen Gottesdiensten: „Ich habe eine andere Sprache als meine Kollegen. Vielleicht eine direktere.“

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