Polizeidienststellen verzeichnen nach Silvester eine Flut von Anträgen. Eine Kriminalpsychologin warnt vor den Gefahren.

Auch die Polizei warnt vor der trügerischen Sicherheit, die manche Menschen beim Tragen von Schreckschusswaffen empfinden.
Auch die Polizei warnt vor der trügerischen Sicherheit, die manche Menschen beim Tragen von Schreckschusswaffen empfinden.

Auch die Polizei warnt vor der trügerischen Sicherheit, die manche Menschen beim Tragen von Schreckschusswaffen empfinden.

dpa

Auch die Polizei warnt vor der trügerischen Sicherheit, die manche Menschen beim Tragen von Schreckschusswaffen empfinden.

Düsseldorf/Köln. Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht rüsten die Deutschen auf. Reizgasspray ist in den Geschäften so gut wie ausverkauft, und in Nordrhein-Westfalens Polizeidienststellen steigt die Zahl der Anträge für den Kleinen Waffenschein. In Köln gingen seit den Attacken 304 Anträge ein, die Düsseldorfer Polizei verzeichnet derzeit zwischen acht und zehn Anträge pro Tag, und auch bei der Aachener Polizei gingen in den vergangenen zwei Wochen schon 107 Anträge ein – fast so viel wie im gesamten Jahr 2014.

Es müssen Zuverlässigkeit und Bedarf nachgewiesen werden

Der Kleine Waffenschein wird für das Führen von Schreckschuss-, Reiz- und Signalwaffen außerhalb des eigenen Grundstücks benötigt und kann bei der örtlichen Polizeidienststelle beantragt werden. Wer dies beabsichtigt, muss Zuverlässigkeit und Bedarf nachweisen. In einem mehrwöchigen Antragsverfahren wird von mehreren Behörden geprüft, ob sich der Antragsteller zum Führen einer Waffe eignet. Dazu gehört, dass er keine einschlägigen Vorstrafen oder verfassungsfeindliche Tendenzen hat und auch körperlich zur Handhabung von Waffen in der Lage ist.

Zur Selbstverteidigung im eigenen privaten Bereich dürfen Personen ab 18 Jahren diese Waffen auch ohne Erlaubnis im Fachhandel kaufen. Dort wird nur der Personalausweis oder – bei Ausländern – ein entsprechendes Dokument zur Feststellung der Volljährigkeit verlangt. Nach dem Kauf wird nicht mehr überprüft, ob diese Waffen tatsächlich niemals mit in die Öffentlichkeit genommen werden.

„Eine persönliche Aufrüstung birgt hohes Eskalationspotenzial“

Die zunehmende Selbstbewaffnung mit Schreckschusspistolen oder Reizgasspray findet die Kriminalpsychologin Katrin Streich bedenklich. „Eine persönliche Aufrüstung birgt hohes Eskalationspotenzial“, warnt Streich. „Eine Waffe kann eine kritische Situation verschärfen, weil sie den Angreifer möglicherweise provoziert.“ Außerdem seien Bürger nicht geübt, die Waffen richtig einzusetzen. „Wenn der Angreifer die Waffe entwindet, kann er sie einsetzen.“

Der Waffenkauf könne zwar das subjektive Sicherheitsgefühl kurzfristig stärken, erläutert Streich. „Menschen versuchen dadurch, das Gefühl zurückzuerlangen, dass sie die Kontrolle haben. Aber das ist trügerisch. Es stimmt ja nicht, dass einem nichts passieren kann, nur weil man einen Pfefferspray dabei hat.“

Dirk Weinspach, Polizeipräsident von Aachen, meint: Anstatt sich durch Bewaffnung eine vermeintliche Sicherheit zu schaffen, rät er, grundsätzlich deeskalierend zu agieren. Als Opfer oder Zeuge einer Straftat sollte man versuchen, umstehende Personen anzusprechen und um Hilfe zu bitten, um dann die Polizei zu rufen. Zudem sei es für die Ermittlungen hilfreich, sich möglichst viele Dinge einzuprägen, um ein guter Zeuge sein zu können.

Für andere Bürger ist eine Schreckschusswaffe kaum von einer scharfen Waffe zu unterscheiden. Dies führt bei den Menschen zur Verunsicherung. Auch für Polizisten ist es schwierig, eine kleine von einer scharfen Waffe zu unterscheiden.

Auch die Polizei sieht es sehr kritisch, wenn Menschen bewaffnet unterwegs sind. Dies könne die Hemmschwelle senken, auch eine Waffe einzusetzen und damit vielleicht Situationen unnötig zu verschärfen. Die Gewaltspirale könnte sich dann immer weiter hochschrauben, heißt es bei der Aachener Polizei. „Schreckschuss- oder Gaswaffen sind potenziell gefährlich.“ Je nachdem, aus welcher Entfernung ein Schuss auf eine Person abgegeben werde, könne dieser sogar tödliche Verletzungen verursachen.

Parallel zur Antragsflut, die nordrhein-westfälische Polizeidienststellen gerade verzeichnen, geht das verfügbare Angebot an Artikeln zur Selbstverteidigung wie Reizgassprays und Schreckschusswaffen bei den meisten örtlichen Waffenfachgeschäften zur Neige. „Das Geschäft explodiert gerade“, sagt ein Fachhändler aus der Region. Schon zum Ende des vergangenen Jahres sei eine erhebliche Steigerung der Nachfrage zu verzeichnen gewesen. Doch allein in der ersten Woche nach der schrecklichen Silvesternacht von Köln habe man so viele Selbstverteidigungsartikel verkauft wie im gesamten ersten Halbjahr 2015. Auch stich- und kugelsichere Westen und Handschuhe seien stark nachgefragt gewesen und ebenfalls praktisch ausverkauft.

Schon Anfang November 2015 – noch vor den Anschlägen von Paris – hatte der „Focus“ berichtet, dass es bundesweit erhebliche Lieferschwierigkeiten bei Pfeffersprays gebe. „Die Angst geht um“, zitierte das Nachrichtenmagazin einen der großen Produzenten von Abwehrmitteln. Im Vergleich zum Vorjahr waren die Bestellungen seit September um mehr als 600 Prozent gestiegen. Ein Sprecher des Verbandes Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler (VDB) hatte die Zunahme an Verkäufen von Reizgassprays bestätigt, allerdings keinen Zusammenhang mit der Angst der Deutschen vor Flüchtlingen gesehen

„Bei vielen Leuten herrscht ein starkes Gefühl der Angst“

Gekauft werden die Artikel von jedermann. Ein Fachhändler berichtet von Eltern, die ihre Töchter für den Schulweg wappnen, von älteren Damen, die sich beim Gang auf dem Friedhof sicher fühlen wollen. „Bei vielen Leuten herrscht ein starkes Gefühl der Angst“, sagt der Händler, der trotz der guten Umsätze bedauert, dass die Deutschen „sich so verrückt machen lassen“.

Das sieht auch die Kriminalpsychologin so, vor allem in Bezug auf die Bürgerwehren, die sich in vielen Städten bilden. „Patrouillen können Gefühle von Unsicherheit und Angst bei den Bürgern verstärken“, sagt Streich. „Es ist zudem zu befürchten, dass solche Gruppen zu unkontrollierbaren Instanzen werden. Die Menschen sind nicht ausgebildet. Gerade in der Gruppe besteht die Gefahr, dass sie Kurzschlusshandlungen begehen.“

Justizminister Heiko Maas hatte hinsichtlich der Gründung von Bürgerwehren im Interview mit unserer Zeitung gesagt: „Selbstjustiz werden wir nicht akzeptieren.“ Niemand dürfe das staatliche Gewaltmonopol infrage stellen.

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