Nach dem Amoklauf von Ansbach streiten Forscher über die Brutalisierung von Jugendlichen. Die Täter sind oft Außenseiter.

Düsseldorf. An einer Münchner S-Bahnhaltestelle töten zwei junge Männer einen 50-jährigen Geschäftsmann mit 22 Tritten und Schlägen. Kaum sind die ersten Gedenkblumen am Tatort verwelkt, zündet wenige Tage später ein 18-jähriger Junge in einem Gymnasium im bayerischen Ansbach Molotow-Cocktails und macht mit einer Axt Jagd auf seine Mitschüler, verletzt zwei von ihnen schwer. Beide Gewalttaten, obschon unterschiedlich motiviert, lösen dieselbe Frage aus: Verrohen immer mehr junge Männer in diesem Land?

Die Zahl jugendlicher Gewalttaten ist insgesamt zurückgegangen

Es ist die gleiche Debatte, die Gewaltforscher, Politiker und Leitartikler auch schon nach dem Amoklauf von Winnenden im März dieses Jahres und nach der lebensgefährlichen Attacke gegen einen Rentner in einer Münchner U-Bahn 2007 geführt haben.

Wenn man mit dem Berliner Kriminologen Frank Robertz spricht, lautet die Antwort auf die Frage, ob junge Männer gewaltbereiter geworden sind: "Teils, teils." Jugendgewalt allgemein - seien es Prügeleien, sei es Mobbing - gehe zurück. Die Zahl der Amokläufe, ob versucht oder in die Tat umgesetzt, hat jedoch deutlich zugenommen. Robertz spricht von einem "Import aus den USA". Der Aufsehen erregende Amoklauf von Columbine 1999 habe in den vergangenen Jahren für Nachahmungseffekte in Deutschland gesorgt. Einige Schüler mit Außenseiter-Status und psychischen Problemen missverstehen das Massaker als Heldenepos und wollen es imitieren.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Ursache für die Zunahme der Amokläufe sei ein Schulsystem, das immer weniger Wert auf ein soziales Miteinander lege, erklärt Robertz. "In der Schule wird seit den Pisa-Reformen viel zu viel Lehrstoff gepaukt. Dabei kommt das Menschliche zu kurz." Lehrer müssten mehr Sozialkompetenz unterrichten, sensibler auf Schüler eingehen, die bedrückt sind und sich ausgegrenzt fühlen. Er kritisiert: "Diese Art der Prävention wird sträflich vernachlässigt."

Falsches Männlichkeits-Bild führt zu falschen Handlungen

Die Gewaltexzesse in München, die Tötung oder lebensgefährliche Verletzung eines Menschen als furchtbares "Gruppenerlebnis" in aller Öffentlichkeit, sind schwieriger zu erklären. Sie sind nicht Ausdruck eines Trends. Im Gegenteil: Psychologen sprechen resigniert von einer "anthropologischen Konstante". Das heißt, Einzelfälle extremer Gewalt durch junge Männer gab’s schon immer und wird’s auch weiterhin geben - sie sind sozusagen Teil der menschlichen Natur.

Der Amokläufer hatte die Tat schon länger geplant. Er hat ein Testament geschrieben - mit dem Datum "9/1", also dem Jahrestag der Anschläge von New York 2001.

Der 18-Jährige war mit einem Beil, vier Messern und fünf Brandbomben bewaffnet. Gestern wurde bekannt, dass nicht neun, sondern zehn Menschen verletzt wurden. Niemand schwebt mehr in Lebensgefahr.

Freitag wurde ein Haftbefehl wegen versuchten Mordes in zehn Fällen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung gegen ihn erlassen.

Seit er durch Polizeischüsse verletzt wurde, liegt er im künstlichen Koma. Wann er aufwachen wird, ist noch nicht absehbar.

Der Junge gilt als introvertiert, ist in psychotherapeutischer Behandlung. Mitschüler erzählen, er sei unbeliebt. Niemand habe auf der bevorstehenden Abschlussfahrt mit ihm das Zimmer teilen wollen. Er wirkte aber in einer Theater-AG mit. Die Eltern des Täters leben getrennt in Ansbach. Der Junge wohnte beim Vater, die beiden Schwestern sind nach der Trennung zur Mutter gezogen.

Robertz erklärt jedoch, ein Motiv sei ein falsch aufgefasstes Männlichkeits-Bild: der Versuch, sich als "der große Macker" zu inszenieren, demjenigen Einhalt zu gebieten, der sich widersetzt - wie der Münchner Geschäftsmann.

Ein anderer Faktor seien gruppendynamische Prozesse, sagt Robertz. Junge Männer peitschen sich in der Gruppe gegenseitig an. Keiner will zurückstecken, um nicht als Memme diffamiert zu werden. Deshalb sind auch Jugendliche aus sozial schwachen Milieus anfälliger für Gewaltexzesse im Kollektiv: Sie legen besonderen Wert auf ihre Rolle in der Clique, weil es für sie "in anderen Lebensbereichen schwieriger ist, einen Platz zu finden".

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