Weil sein Sohn viel zu leicht an Waffen kam, starben 16 Menschen. Fünf Monate später ist ein Urteil gefallen – das K. aber anfechten will.

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An dieser Stelle erschoss sich am 11. März 2009 der 17-jährige Tim K. nach seinem Amoklauf mit 15 Toten.

An dieser Stelle erschoss sich am 11. März 2009 der 17-jährige Tim K. nach seinem Amoklauf mit 15 Toten.

Reuters

An dieser Stelle erschoss sich am 11. März 2009 der 17-jährige Tim K. nach seinem Amoklauf mit 15 Toten.

Stuttgart. Es ist eine Geduldsprobe im Saal 1 des Landgerichts. Die Hinterbliebenen der Opfer des Amoklaufs müssen warten – ein Anwalt der Nebenklage fehlt. „Können die Psychologen für unsere Kinder in den Saal?“, fleht eine Mutter eine Justizbeamtin an. „Wir können nicht für jeden eine Extrawurst braten“, heißt die erste Antwort, dann dürfen die Therapeuten doch kommen.

Fast fünf Monate hat der Prozess gegen den Vater des Amokläufers gedauert: 29 Verhandlungstage mit Beschreibungen der Bluttat haben Eltern und Geschwister der Opfer bis gestern erlebt. In der letzten Zuschauer-Reihe sitzt der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger. Er hat dafür gesorgt, dass es zum Prozess gekommen ist.

Die Staatsanwaltschaft wollte zuerst keinen Prozess gegen Tims Vater

Zunächst wollte es die Staatsanwaltschaft bei einem Strafbefehl belassen. Doch Pflieger wies eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz an. Er wollte ein „generalpräventives Signal“.

Das verkündet nun Richter Reiner Skujat: Der 52-jährige Unternehmer erhält eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung – und muss somit nicht hinter Gitter.

„Und wenn es nur für ein Vierteljahr ist, aber er muss ins Gefängnis.“

Hardy Schober, Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden

Die Angehörigen der Opfer halten die Luft an und seufzen. Es ist der Schlusspunkt eines einmaligen Prozesses, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht stand und verurteilt wurde. Der Vater hatte die Pistole, mit der sein Sohn 15 Menschen und sich selbst erschoss, unverschlossen aufbewahrt.

Hardy Schober vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden sprach vor dem Urteil aus, was viele hofften. „Und wenn es nur für ein Vierteljahr ist, aber er muss ins Gefängnis.“ Viele Angehörige reagierten nach dem Urteilsspruch enttäuscht. Nicht so Pflieger. „Wir haben erreicht, was wir wollten: eine gerechte Strafe für den Vater und ein Signal an die Waffenbesitzer, dass sie mit ihren Waffen äußerst sorgfältig umgehen müssen.“

Für Tim K.s Vater ist die Tat mit dem Urteil nicht vorbei. Seine Anwälte wollen in Revision gehen. Ihm droht auch eine Schadenersatzforderung von der Stadt Winnenden. Sie will möglicherweise den materiellen Schaden einklagen, den die Stadt als Schulträgerin erlitten hat.

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