Das Unwort des Jahres ist gewählt. In der Debatte um Stuttgart 21 spielte es eine Rolle – und schürt die allgemeine Politikverdrossenheit.

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„Geschwätz des Augenblicks“: Papst Benedikt benutzte diesen Ausdruck von Angelo Sodano (Foto) in einer Rede.

„Geschwätz des Augenblicks“: Papst Benedikt benutzte diesen Ausdruck von Angelo Sodano (Foto) in einer Rede.

„Alternativlos“: Das Wort ist keine Erfindung von Kanzlerin Merkel, wird aber häufig von ihr benutzt. Fotos (3): dpa

„Integrationsverweigerer“: Innenminister Thomas de Maizière wird dafür von der Jury kritisiert.

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„Geschwätz des Augenblicks“: Papst Benedikt benutzte diesen Ausdruck von Angelo Sodano (Foto) in einer Rede.

Frankfurt. Das Unwort des Jahres heißt „alternativlos“. Die Formulierung sei ein Totschlagargument, sagte am Dienstag der Sprecher der Unwort-Jury Horst Dieter Schlosser. Damit werde unterstellt, es gebe bei einer Entscheidung keine andere Möglichkeit und eine Diskussion sei nicht notwendig. „Behauptungen dieser Art sind 2010 oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit zu verstärken“, sagte Schlosser. Das Unwort wurde zum 20. Mal gekürt.

Mit dem Unwort kritisiert eine Jury den öffentlichen Sprachgebrauch

Die unabhängige sechsköpfige Fachjury kritisierte auch das Wort „Integrationsverweigerer“. Das von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bekannt gemachte Wort verbreite die Unterstellung, viele Migranten wollten sich nicht integrieren. „Dass für eine solche Behauptung noch immer eine sichere Datenbasis fehlt, wird in den entsprechenden Debatten meist ausgeblendet“, urteilten die Juroren.

„Geschwätz des Augenblicks“: Eine Reaktion auf die Missbrauchsdebatte

Sie rügten auch die Formulierung „Geschwätz des Augenblicks“ in der Ostermesse des Papstes – sie stammt von Angelo Sodano, dem Dekan des Kardinalskollegiums. Damit sei versucht worden, die massiven Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche beiseitezuschieben.

Mit 140 Nennungen war „alternativlos“ der Renner unter den 1123 Vorschlägen. Das waren weniger Einsendungen als im Jahresdurchschnitt von 1700. An zweiter Stelle steht „unumkehrbar“ – meist im Zusammenhang mit Stuttgart 21. Es folgt, „Wutbürger“ – das Wort des Jahres.

Insgesamt gab es 624 Vorschläge, ebenfalls weniger als im Durchschnitt (977). Die Jury sucht Formulierungen, die „sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise die Menschenwürde verletzen“. Die Häufigkeit eines Vorschlags spielt keine Rolle. Ziel der Aktion ist es, für mehr Angemessenheit und Humanität im Sprachgebrauch zu werben.

„Alternativlos“ sei seiner Auffassung nach noch schlimmer als das „Basta“ von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), sagte Schlosser. Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) sei damit verbunden: „Ich will keine Diskussion darüber.“

Es gibt auch ein Börsenunwort des Jahres – den „Euro-Rettungsschirm“

Das Börsenunwort des Jahres lautet „Euro-Rettungsschirm“. Es wird seit zehn Jahren von Maklern, Wertpapierhändlern und Analysten in Anlehnung an das Unwort bestimmt. Kritisiert werden Wortwahl und Wortbildung, die falsche, sogar illusionäre Assoziationen wecken könnten.

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