Vor 40 Jahren öffnete das erste von vier Spielcasinos des Landes in Aachen. Die Casinos sollen das Glücksspiel in geordnete Bahnen lenken. Dafür sind sie viel zu unbedeutend, sagt ein Wissenschaftler.

Symbolbild.
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Bernd Thissen

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Aachen (dpa) Als am 3. Juli 1976 das NRW-weit erste Spielcasino in Aachen öffnet, ist das ein gesellschaftliches Ereignis. Sängerin Daliah Lavi kommt in Begleitung von Schauspieler Curd Jürgens und wirft beim Roulette die erste Kugel. Später bringen Gunter Sachs, Udo Jürgens, Loriot oder Karl Lagerfeld Glamour nach Aachen.

Der Casino-Besuch ist etwas Besonderes. Die Besucher machen sich chic, es gibt eine Kleiderordnung. Für den Notfall hängen am Empfang immer ein paar Krawatten. Aachen ist das älteste der vier Spielcasinos des Landes in NRW. Doch der Glanz der frühen Tage ist verblichen. Spielbankbetreiber Westspiel sorgte 2104 für Negativschlagzeilen als er zwei Werke des US-Künstlers Andy Warhol, die 1977 und 1978 zur Ausstattung des Aachener Casinos gekauft worden waren, für mehr als 100 Millionen Euro versteigern ließ - auch um die Casinos in Schuss zu halten.

Die Aachener Spielbank wird derzeit renoviert, die Roulettekugel rollt so lange in einem Ausweichquarteier im Fußballstadion Tivoli. In den staatlichen Casinos sollen die Gäste unter Aufsicht spielen und nicht in dubiosen Hinterhofcasinos ihr Geld verzocken - und sie sollen nicht spielsüchtig werden. Ilona Füchtenschnieder von der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW beschreibt, was das im Casino-Alltag bedeutet: «Spieler müssen ihren Ausweis vorlegen. Und wenn es gut läuft, wird man auch auf sein Verhalten angesprochen, weil man aufgeregt wirkt und andere um Geld anpumpt.» Der Casino-Betreiber Westspiel warnt auf seiner Internetseite: «Egal wie viel Vergnügen es bereitet, eines darf man vom Glücksspiel nicht erwarten: Gewinn!»

Das staatliche Glücksspielmonopol werde auf vielen Ebenen untergraben, beobachtet der Hamburger Glücksspielforscher Ingo Fiedler. Die Spielhallen seien der größte Anbieter auf dem Glücksspielmarkt. Dazu kämen illegales Internetglücksspiel und Sportwetten. «Und am Ende des Tages machen die Spielbanken vielleicht noch fünf Prozent des gesamten Glückspielmarktes aus. Damit sind sie extrem unbedeutend», sagt Fiedler mit Blick auf das ganze Bundesgebiet. Die Geldspielautomaten in den kommerziellen Spielhallen und die häufig liberale Haltung der Politik dazu hält Füchtenschieder für das Hauptproblem. Die wenigsten Städte würden einen Teil der hohen Vergnügungssteuer-Einnahmen in die Bekämpfung der Spielsucht stecken. «Da profitieren viele und machen die Augen zu und sagen deshalb nichts.

»Um wieder effektiv zu werden, müssten sich die Rahmenbedingungen für das staatliche Angebot ändern, fordert Fiedler: «Wir sollten den Schweizer Weg gehen und das Automatenangebot außerhalb der staatlichen Spielbanken untersagen, weil es das suchtgefährlichste Spiel ist.» Außerdem müsse der Staat sein Recht im Internet durchsetzen.

«Jeder Imbiss und jede Kneipe hat inzwischen Automaten. Sportwetten sind dazugekommen. Das Internet hat uns das Leben schwergemacht», sagt auch Marco Lippert vom Casino-Betreiber Westspiel. Nach «tristen» Jahren gebe es ein Comeback der Casinos mit zweistelligen Zuwachsraten bei den Umsätzen: Die Leute wollen die Klassiker Roulette, Black Jack und Poker wieder live spielen, außerdem gut essen, ein bisschen Show. «Die Spielbanken sind wieder voll.» Und der Staat profitiert.

Westspiel hat seit Gründung 1976 3,4 Milliarden Euro Spielbankabgabe gezahlt. Geld spielt nach Angaben des Landes aber eine nachgeordnete Rolle. Die Einnahmen seien in den letzten Jahren vollständig der Stiftung Wohlfahrtspflege zugutegekommen. Weniger Steuern würden mehr Gewinnausschüttung und wirksamere suchtpräventive Maßnahmen erlauben, meint dagegen der Wissenschaftler Fiedler: «Fiskalische Interessen und Spielerschutz beißen sich leider.»

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