Twitter bedient das immer wichtiger werdende menschliche Grundbedürfnis nach Individualität.

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Stephan Dörner aus Düsseldorf nutzt Twitter als Informationsmedium.

Stephan Dörner aus Düsseldorf nutzt Twitter als Informationsmedium.

Stefan Arend

Stephan Dörner aus Düsseldorf nutzt Twitter als Informationsmedium.

Düsseldorf. 140 Zeichen, um zu sagen, was man gerade macht, oder, um einfach nur seine Gedanken mitzuteilen. Nutzerin Stepsie hofft freitags in Hamburg auf ein schönes Wochenende.

Annia316 aus Klagenfurt schreibt: "Besorge mir heute frische Kräuter im Blumentopf: Salbei, Petersilie, Basilikum..." Und Berlinerin Vanessa85 teilt der Internetwelt Montagmorgen mit: "Erstmal einen Cappuccino gezogen, jetzt die Mails checken und mich aufs Wochenmeeting vorbereiten."

Twitter spiegelt Veränderungen in der Gesellschaft wider

Nicht erst seit den in den vergangenen Monaten schlagzeilenmachenden Mikroblogging-Dienst Twitter (Gezwitscher) wird Privates in der Öffentlichkeit kommuniziert. Das Web 2.0 ermöglicht eine aktive Teilnahme und spiegelt so Veränderungen in der Gesellschaft wider.

Twitter fordert seine Nutzer auf, die Frage zu beantworten: "Was machst du gerade?" Mit Erfolg - der Mikroblogging-Dienst erfreut sich über eine stetig wachsende Anzahl von Mitgliedern.

Einer von ihnen ist Stephan Dörner (26) aus Düsseldorf. Der Reiz besteht für ihn allerdings nicht darin, seinen Bekannten und dem Rest der Welt mitzuteilen, was er gerade macht. Er nutzt Twitter als Informationsmedium.

Zu den Angeboten des Web 2.0 gehören Weblogs oder Blogs (online geführte Journale), Tauschportale oder Social-Networks wie Studi- und SchülerVZ, Facebook und Xing.

In Mikroblogs verfassen die Nutzer kurze SMS-ähnliche Textnachrichten. Der bekannteste Mikroblogging-Dienst ist Twitter.

Den Mikroblogging-Dienst Twitter gibt es seit 2006, seitdem wachsen seine Mitglieder stetig. Genaue Nutzungszahlen gibt es allerdings keine.

Jeder Twitter-Nutzer hat die Möglichkeit, 140-Zeichen-lange Nachrichten (Tweets) zu veröffentlichen. Diese können dann von anderen Nutzern abonniert werden (follow = verfolgen). Sobald ein Nutzer, dessen Beiträge man verfolgt, twittert (einen Tweet veröffentlicht), bekommt der Abonnent diesen auf seinem Account angezeigt. Man kann so vielen Nutzern folgen, wie man will. Auf dem jeweiligen Profil wird dann angezeigt, wie vielen man selbst folgt (following) und von wie vielen man verfolgt wird (followers).

"Man kann selbst entscheiden, von wem man über Neuigkeiten informiert wird und mit Menschen in Kontakt treten, die scheinbar weit entfernt sind", sagt Dörner. Dazu gehört für ihn zum Beispiel ein Medienprofessor aus den USA, dessen Arbeit den ehemaligen Studenten der Kommunikations- und Medienwissenschaften interessiert. Oder der Comedian Michael Kessler, der live zur Ausstrahlung des TV-Formats "Switch" twittert.

Für Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg ist ein entscheidendes Argument für die Nutzung von Twitter: "Man kann bei Bedarf auf Informationen anderer zugreifen." Man schaffe sich damit eine "personalisierte Informationswolke". Er glaubt allerdings, dass der Dienst ein Nischenprodukt bleiben wird.

Twitter ist auch für Unternehmen, Prominente und Politiker interessant. Denn sie können gezielt Menschen ansprechen. Nicht ohne Grund wurde der Dienst von Barack Obama im US-Wahlkampf genutzt. Und auch deutsche Politiker entdecken ihn im Superwahljahr 2009 für sich.

Der Reiz an Twitter liegt aber eben daran, dass nicht nur professionelle Anbieter zu Publizisten werden, sondern jeder zum Selbstdarsteller wird. Hiermit bedient der Dienst das, was die Nutzer auch schon an anderen Web-2.0-Angeboten gereizt hat: Sich selbst zu präsentieren, was laut Schmidt ein menschliches Grundbedürfnis ist. Damit versuche das Individuum, die eigene Identität und seine Stellung in der Gesellschaft zu definieren.

Heute wird Privates eher an die Öffentlichkeit gegeben

"Wir leben in einer mobileren und flexibleren Gesellschaft, in der althergebrachte Bindungen und Traditionen sich verändert haben, beziehungsweise weggefallen sind", erklärt Schmidt. Individualität sei zu einer wichtigen Charaktereigenschaft geworden. "Wer heutzutage nicht selbst aktiv wird, bleibt unsichtbar."

Vielmehr verlange das Web2.0 sogar explizit eine aktive Teilnahme. Das führt auch dazu, dass heute in der Öffentlichkeit eher über Privates geredet wird. "In den vergangenen Jahren sind die Barrieren gesunken, Big Brother war dafür ein zentraler Eckstein", sagt Joachim Höflich, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt.

Eine Studie an seinem Lehrstuhl zeigte jedoch, dass der größte Teil der Internet-Nutzer nicht leichtfertig mit seinen Daten umgehe.

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