Las Vegas (dpa) - Das «Wintel»-Bündnis von Microsoft Windows und den Intel-Chips hat Jahrzehnte lang die Computer-Industrie geprägt. Jetzt will Microsoft-Chef Steve Ballmer angesichts von Konkurrenten wie dem iPad zu neuen Ufern aufbrechen und auch andere Mikroprozessoren unterstützen.

Windows soll künftig nicht mehr allein auf die von Intel entworfene Chip-Architektur ausgerichtet sein. Ballmer zeigte auf der Elektronikmesse CES International 2011 in Las Vegas eine vorläufige Version von «Windows 8», die auf Mikroprozessoren von Herstellern wie Nvidia, Qualcomm oder Texas Instruments läuft. Diese Wettbewerber des Chip-Giganten Intel setzen auf die Systemarchitektur des britischen Chip-Designers ARM, die wegen ihres geringen Strombedarfs insbesondere in mobilen Geräten wie dem iPad oder iPhone von Apple, aber auch in Mobilgeräten mit dem Google-Betriebssystem Android genutzt wird.

«Welches Gerät auch immer Sie jetzt oder in der Zukunft verwenden: Windows wird dort sein», sagte Ballmer bei seiner Ansprache auf der CES. Bislang läuft Windows im vollen Leistungsumfang in der Regel nur auf entsprechend ausgestatteten Desktop-PCs oder Laptops. Für Geräte wie Smartphones oder kleinen Tablet-Rechnern sah Microsoft das abgespeckte Betriebssystem Windows CE vor. Die neue Strategie von Ballmer bedeutet nun aber, dass das Kernsystem von Windows an unterschiedliche Plattformen angepasst wird.

Zuhörer, die von Ballmer eine konkrete Windows-Alternative zum erfolgreichen iPad von Apple erwartet hatten, wurden allerdings enttäuscht. Bei der Demonstration auf der CES zeigten der Microsoft-Boss und seine Kollegen keine neu gestaltete Oberfläche, die speziell für einen Tablet-Computer angepasst gewesen wäre. Die in Las Vegas vorgestellten digitalen Schiefertafeln mit Windows 7 stießen bei Experten auf scharfe Kritik. «Superteuer, miese Batterielaufzeit, schwer und unhandlich - und außerdem nicht wirklich auf eine Touch-Bedienung ausgerichtet», urteilte beispielsweise die sonst eher Microsoft-freundliche ZDNet-Kolumnistin Mary-Jo Foley.

Ballmer ließ sich aber von der Kritik an seiner Tablet-Strategie nicht sonderlich beeindrucken und sonnte sich im Erfolg der Microsoft-Spielkonsole Xbox 360 und des neuen Steuerungssystems Kinect. Mit Kinect können Anwender das Multimediagerät mit Gesten und Sprachbefehlen ohne einen speziellen Controller bedienen. Nach Angaben von Ballmer hat Microsoft innerhalb von 60 Tagen acht Millionen Exemplare von Kinect verkaufen können. Diese Zahl bezieht sich allerdings auf den Absatz an den Handel, nicht an die Endkunden. Die Gestenbedienung soll nicht nur neuartige Spiele möglich machen, sondern auch das Ausleihen von Online-Filmen bei Hulu oder Netflix erleichtern.

Schmallippiger blieb Ballmer dagegen beim Thema Windows Phone 7. Der Microsoft-Chef verzichtete darauf, die vom Microsoft-Manager Achim Berg vor knapp einem Monat genannte Absatzzahl von 1,5 Millionen Smartphones zu aktualisieren. Auch hier sagt die Zahl von Microsoft nichts darüber aus, wie viele Endkunden tatsächlich ein Handy mit dem Windows-System erstanden haben, sondern wie viele Geräte in den Handel und zu den Mobilfunkanbietern geflossen sind. Ballmer ließ von einer Marketing-Mitarbeiterin auf der Bühne die sieben Hauptvorteile von Windows Phone 7 herausstellen, die das System nach Ansicht der Microsoft-Verantwortlichen gegenüber Produkten der Konkurrenz hat - und die am Markt noch bekannter werden müssten. Windows Phone 7 lebe von der Mund-zu-Mund-Propaganda, meinte Ballmer.

Einen langen Atem hat Microsoft auch bei seinem Computertisch «Surface», der sich über einen bedienungssensitiven Bildschirm bedienen lässt. Die erste Version des 30 Zoll großen Displays war Ende Mai 2007 von Bill Gates mit großen Hoffnungen vorgestellt worden. Er wurde dann jedoch nur in wenigen Orten tatsächlich eingesetzt, darunter in einigen Filialen des Mobilfunkanbieters AT&T, einem Casino in Las Vegas, aber auch der Nikolaikirche in Berlin.

Die von Ballmer in Las Vegas präsentierte zweite Version des Surface-Computers ist nun nicht mehr ein klobiger Kasten, sondern nur noch etwa zehn Zentimeter dick und kann jetzt auch an der Wand für Kiosksysteme aufgehängt werden. Statt eines herkömmlichen Touchscreens verwenden Microsoft und der Hardware-Hersteller Samsung nun das System «Pixelsense», bei dem jeder Pixel des Bildschirms die Funktion einer Kamera erfüllt. Damit kann der Computertisch auch Texte lesen oder Barcodes entschlüsseln.

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