New York/Berlin (dpa) - Alle Welt lädt heute Videos ins Internet hoch. Da lag es nahe, das Leben an einem Tag mit den Augen vieler Menschen einzufangen. «Life in a Day» ist das Porträt des 24. Juli 2010 aus Sicht der YouTube-Nutzer. Mit Glück, Spannung, Tod - und auch viel Alltag.

Es ist ein Film, wie es ihn noch nie gegeben hat: «Life in a Day» besteht komplett aus Aufnahmen von Nutzern der Online-Videoplattform YouTube. Alle von einem einzigen Tag, dem 24. Juli 2010. Für Deutschland bekam das wenige Wochen zuvor ausgewählte Datum eine besondere Bedeutung: Auf diesen Tag fiel die Loveparade in Duisburg, bei der 21 Menschen in einer Massenpanik ihr Leben verloren. Die Szenen aus Duisburg zählen zu den dramatischsten in dem rund 90-minütigen Film. Denn man weiß: Hier ist alles echt.

Die Video-Website, die zum Internet-Konzern Google gehört, hatte ihre Nutzer Anfang Juli aufgerufen, für das Projekt aufregende, aber auch ganz gewöhnliche Szenen aus ihrem Leben hochzuladen. Rund 80 000 Menschen folgten der Aufforderung, so dass die Filmemacher etwa 4500 Stunden Videomaterial aus der ganzen Welt zur Verfügung hatten. Google gewann für «Life in a day» Regie-Altmeister Ridley Scott («Bladerunner», «Alien») als Produzenten und Oscar-Preisträger Kevin Macdonald («Der letzte König von Schottland») als Regisseur.

Die Zahl 4500 klingt auf den ersten Blick überschaubar, bis man bedenkt: 4500 Stunden, das sind 187 Tage, fast ein halbes Jahr. Deswegen standen Scott und Macdonald zwei Dutzend Helfer zur Seite, die das eingeschickte Material für eine Vorauswahl durchforsteten. Die von ihnen ausgesuchten 250 Stunden wurden zur Basis für den fertigen Film. In die endgültige Fassung schafften es Szenen aus rund 400 Beiträgen, schätzte Macdonald bei der Premiere. Darunter sind ein Junge aus Peru, der sein Geld als Schuhputzer verdient, ein russischer Extremsportler, eine Amerikanerin, die mit Krebs kämpft, Fallschirmspringer, Ziegenhirten, Akrobaten, Menschen aus Indien, Ghana oder den Philippinen.

«Wir haben versucht, uns auf das echte Leben zu konzentrieren», betonte Macdonald. «Uns ging es vor allem darum, was gewöhnliche Menschen machen und fühlen.» Herausgekommen ist ein faszinierendes Mosaik aus Geschichten, Schicksalen und teils bewegenden bis spektakulären Bildern. Und das Bewusstsein, dass hier nicht erfundene Figuren nach Drehbuch agieren, sondern dass man echten Menschen bei ihrem Leben zusieht, gibt «Life in a Day» einen besonderen Reiz. Zugleich stellt man fest, dass das Leben der anderen auch an exotischen Schauplätzen nicht unbedingt aufregender ist als das eigene.

Zusammen mit der ganzen Welt einen Film zu machen, bringt auch Probleme, mussten Macdonald und sein Team feststellen. Zum einen war da die höchst unterschiedliche Qualität der Videos - von verwackelten Handy-Schnipseln bis zu hochwertigen Bildern in HD-Auflösung. Dann habe er mehr Videos als erwartet von Teenagern bekommen, die in ihrem Zimmer das Herz vor der Webcam ausschütten, sagte der Regisseur. Und schließlich, die Füße. «So viele Menschen haben den Boden beim Gehen gefilmt. Wir hätten allein daraus einen zehnstündigen Film machen können», sagte einer der Cutter.

Nach der Premiere beim Sundance-Festival in den USA, als in Europa tiefste Nacht war, sollte der Film nochmals heute (Freitag) um 19.00 Uhr MEZ im Internet gezeigt werden.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer