Berlin (dpa) ­ Junge Leute und Oppositionsgruppen in Ägypten haben Online-Netzwerke und Video-Handys genutzt, um Demonstrationen zu organisieren und die Straßenproteste zu dokumentieren. Nun ist Ägypten offline, doch der Protest verbreitet sich weiter im Netz.

Seit der Revolution in Tunesien ist die Angst der ägyptischen Regierung vor Online-Netzwerken wie Twitter und Facebook noch weiter gewachsen. Schon vor drei Jahren wagten ägyptische Online-Aktivisten der Jugendbewegung «6. April» eine dramatische Machtprobe mit dem Regime von Präsident Husni Mubarak. Um protestierende Arbeiter in der Industriestadt Mahalla al-Kubra zu unterstützen, riefen sie auf Facebook zum 6. April 2008 zum Streik auf.

Bis zu 70 000 Menschen unterstützten damals die Facebook-Gruppe «6. April», doch die Machtverhältnisse in Ägypten blieben im Prinzip unangetastet. Mitinitiator Ahmad Maher wurde mehrfach von den ägyptischen Sicherheitsbehörden festgenommen, die Websites der Bewegung immer wieder von Hackern angegriffen.

Die Bedeutung des Internets in der ägyptischen Gesellschaft hat jedoch seitdem weiter zugenommen. Inzwischen verfügt jeder vierte Ägypter über einen Netzanschluss. Die IT-Industrie am Nil boomt. Firmen wie Xceed, Raya und C3 treiben die Wirtschaft voran. Doch über das Netz lassen sich auch Gedanken frei austauschen. «Die Universitäten sind durch Leute der Staatssicherheit unterwandert», sagt Ivesa Lübbe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für Nahost- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität in Marburg. «Es gibt wenig Freiräume in der ägyptischen Gesellschaft, in denen junge Leute offen diskutieren können.» Daher spielten Online- Netzwerke wie Facebook und Twitter eine so wichtige Rolle.

In den Online-Netzen organisieren Oppositionelle «Fan-Seiten», auf denen sie für einen Systemwandel in Ägypten plädieren. Im Netz werden aber auch konkrete Aktionen organisiert. Wann und wo findet die nächste Demonstration statt? In welchen Straßenzügen versammelt sich die Polizei? Antworten auf diese Fragen finden die Aktivisten auf Facebook und Twitter.

Außerdem sorgt die moderne Technik für eine bislang nicht gekannte Transparenz: «Früher hat man in Kairo kaum etwas davon mitbekommen, was in der Provinz passiert. Das hat sich mit dem Aufkommen der Smartphones erheblich geändert. Auf Facebook, YouTube oder auf Blogs erscheinen nun die Filme, die mit dem Handy aufgenommen wurden und die Vorfälle dokumentieren», sagt Ägypten-Expertin Lübbe.

Ein auf YouTube verbreitetes Video mit brutalen Szenen, in denen ein Mann auf offener Straße erschossen wird, hatte die Proteste kurz vor den Sperren noch hochkochen lassen. Eine wichtige Rolle spielt auch die schwedische Video-Plattform Bambuser, auf die Besitzer eines Smartphones ihre Videoaufnahmen live übertragen können.

Die Filme von den Demonstrationen, auf denen zum Teil brutale Einsätze der Sicherheitskräfte zu sehen sind, werden auch dann ihren Weg ins Netz finden, wenn die ägyptische Regierung das Land derzeit weitgehend vom Internet abgekoppelt hat. Zum einen können die Informationen auf winzigen Speicherkarten ihren Weg ins Ausland finden und dann online gestellt werden. Zum anderen erscheint es kaum vorstellbar, dass eine große Volkswirtschaft wie Ägypten mit 80 Millionen Einwohnern über einen längeren Zeitraum vom Netz abgeschnitten bleibt.

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