Stefan Vetter, Kommentarfoto 2015
Stefan Vetter

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Das war denkbar knapp. Mit einem hauchdünnen Vorsprung von nur 75 Stimmen konnte sich Cem Özdemir seinen Traum von der grünen Spitzenkandidatur für die kommende Bundestagswahl erfüllen. Seine Co-Kandidatin Katrin Göring-Eckardt fuhr zwar ein wesentlich besseres Ergebnis ein. Doch berauschend ist es trotzdem nicht. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ihre Wahl als einziger weiblicher Bewerber praktisch schon vorher fest stand. Offenbar wollten große Teile der grünen Basis dem Berliner Establishments einen Denkzettel verpassen. Dass ein bundesweit nahezu unbekanntes Nordlicht wie Robert Habeck dem auf allen Kanälen präsenten Schwaben Özdemir fast das Wasser abgegraben hätte, spricht Bände.

Die Grünen senden damit ein zwiespältiges Signal in die politische Landschaft. Die Realos Göring-Eckardt und Özdemir stehen zwar unisono für eine mögliche, schwarz-grüne Koalition bereit. Doch der linke Parteiflügel hat auch nach der Urwahl noch genügend Potenzial, die beiden mit einem dezidiert linken Wahlprogramm zu piesacken. Angedeutet hat sich das schon auf dem jüngsten Bundesparteitag in Münster. Beschlüsse zur Einführung einer Vermögensteuer für "Superreiche" und die Abschaffung aller Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger bei Verstößen gegen Auflagen der Jobcenter vermochten die Realos trotz eindringlicher Warnungen dort nicht zu verhindern. Die Kunst wird darin bestehen, dass die beiden Spitzenkandidaten nun den grünen Laden zusammenhalten. Vor allem Özdemir hat sich bislang kaum um die Befindlichkeiten des linken Flügels geschert. Umso mehr muss er sich jetzt an seinem Versprechen messen lassen, "die Partei in ihrer ganzen Breite mitzunehmen".

Am Ende könnte es den Grünen wie der SPD im Wahlkampf 2013 ergehen. Damals passte die ausgesprochen linke sozialdemokratische Programmatik nicht zur "rechten" Personalie Peer Steinbrück. Die Quittung war abermals ein enttäuschendes Wahlergebnis.

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