Christian Wulffs Rücktritt war überfällig

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Martin Vogler

Martin Vogler

Martin Vogler

Nein, ein Schwerverbrecher ist Christian Wulff sicher nicht. Auch wenn die Heftigkeit der Anschuldigungen, die politische Gegner und einflussreiche Teile der Medien gegen ihn in gnadenloser Penetranz erhoben, den Eindruck erwecken. Kein Bobbycar war banal genug, als dass es nicht zum Tribunal taugte. Insofern kann einem der Ex-Präsident leidtun.

Dennoch war der Rücktritt überfällig. Wulffs Ausharren im Amt hatte nichts mit Entschlossenheit zu tun, sondern wirkte fatal wie Trotz und schien allein durch die Angst vor seinem wirtschaftlichen Absturz motiviert. So etwas ist eines Bundespräsidenten nicht würdig.

Nicht die einzelnen Vorwürfe gegen Wulff sind wirklich das Gravierende, sondern deren unglaubliche Menge und vor allem die naive Art und Weise, wie der Präsident solche Fehler einräumte. Auch in seiner gestrigen Rücktrittsrede war zu spüren, dass er immer noch nicht begriffen hat, dass Schicki-Micki-Gratis-Gehabe nicht zum ersten Mann im Staat – und auch nicht zu dessen Gattin – passt. Schade, dass Christian Wulff die Chance auf einen qualifizierteren Abgang verpasst hat.

Trotzdem sollte die Öffentlichkeit ihn bald in Ruhe lassen. Die boshafte Häme beispielsweise, die gestern in den Netzwerken des Internets über Wulff ausgegossen wurde, ist schlicht schäbig. Man muss ihm keine Steine mehr hinterherwerfen. Der Mann ist politisch und möglicherweise auch gesellschaftlich und wirtschaftlich erledigt.

Wulff war offensichtlich zu unreif für das Amt. Für diese Fehlbesetzung ist vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel verantwortlich, die jetzt schon den zweiten Rücktritt eines Präsidenten erleben muss. Sie wäre gut beraten, ihre Ankündigung, jetzt gemeinsam mit allen wirklich demokratischen Parteien im Bundestag eine Lösung zu suchen, ernst zu meinen.

Falls das gelingt, könnte die Kanzlerin ihr Wulff-Desaster sogar noch zu einem für sich und das Land positiven Ende bringen. Der neue Bundespräsident muss allerdings eine wirklich souveräne Persönlichkeit mit festem Charakter sein. Denn wenn der formal erste Mann im Staat stets um das Wohlwollen einer im Tagesgeschäft stehenden Politikerin buhlen muss, kann das niemals gutgehen.

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