Als Dienstagnacht überall in der Stadt der Nubbel brannte und damit die vielen kleinen Sünden der tollen Tage in Flammen aufgingen, war allen Kölnern klar: Der Frevel, der beim Bau der U-Bahn begangen wurde, wird so leicht nicht aus der Welt zu schaffen sein.

Das Tragische am Kölner U-Bahn-Desaster ist: Es erscheint unmöglich, einen Nubbel zu finden, einen, der die alleinige Schuld trägt, den man bestrafen kann und dessen Geständnis allen verdeutlicht, welche Sünden begangen wurden und welche Sicherheitsrisiken sich daraus ableiten lassen. Die suspendierten Bauleiter stehen zwar im Verdacht, Messdaten gefälscht zu haben, doch die fehlenden Eisenbügel bleiben lediglich ein Mosaikstein, der das Desaster in seiner Gesamtheit nicht erklärt.

Überhaupt sollte man in Köln nicht versuchen, die grundsätzliche Schuld bei einzelnen Personen zu suchen. Wenn so viele Pannen, so viel Pfusch und kriminelle Machenschaften ein städtebauliches Großprojekt im Chaos versinken lassen, dann muss ein Systemfehler vorliegen, der dies alles erst ermöglicht. Dabei macht man es sich zu einfach, diesen Systemfehler stereotyp beim Kölschen Klüngel zu suchen.

Worüber geredet werden muss: In Köln gibt es aus Gründen des kommunalen Sparzwangs kein Tiefbaudezernat mehr. Dessen Experten waren bis zum Jahr 2000 dafür verantwortlich, die Großbaustellen der Stadt zu kontrollieren.

Nun kontrolliert die U-Bahn-Bauherrin KVB (Kölner Verkehrsbetriebe) sich selbst, was so fahrlässig wie absurd ist. Zudem hat die Kostenexplosion der Linie dazu beigetragen, dass sich die billigsten, nicht die solidesten Lösungen durchsetzten. Heute wird die meiste Arbeit durch ein Geflecht billig eingekaufter Subunternehmen erledigt, das sich kaum noch zentral steuern, geschweige denn kontrollieren lässt.

KVB und Stadt müssen eine vertrauenswürdige Bauaufsicht schaffen, ein Kontrollsystem, dessen erste Aufgabe es sein muss, eine umfassende Schadensbilanz zu ziehen. Und KVB und Stadt müssen sich eingestehen, dass diejenigen, die den Rotstift geführt haben, die Hauptlast der Verantwortung tragen.

Das Chaos von Köln ist somit ein Lehrstück auch für andere Städte, weil es zeigt: Der Zweck heiligt nicht immer die Mittel.

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