Gespanntes Warten auf Christian Wulffs Weihnachtsansprache

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Ein Kommentar von Martin Vogler.

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Ein Kommentar von Martin Vogler.

Wer für die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten am Sonntag eine extrem hohe Sehbeteiligung erwartet, bedarf keiner prophetischen Gaben. Normalerweise halten sich ja Neuigkeitswert und Unterhaltungsfaktor solch staatstragender Sendungen in Grenzen. Diesmal dürfte die Fernsehgemeinde bis zuletzt spekulieren: Wird Christian Wulff doch etwas zu seinen aktuellen Problemen sagen? Wie wird es wirken, falls er über Schuldenkrise und Aufrichtigkeit spricht? Oder wird er womöglich doch noch auf die öffentliche Rede verzichten?

Nicht nur der Kölner Kardinal Meißner hat ihm zu Letzterem geraten. Denn Wulff wird es schwer haben, sich glaubwürdig als hohe moralische Instanz zu präsentieren. Besonders zu Weihnachten sollte ein Präsident den Ballast des Alltags abwerfen. Er muss stattdessen weitsichtig analysieren, wenn nötig mahnen, Visionen entwickeln und den Menschen Mut machen. Ob Wulff das gelingt, ist sehr fraglich.

Er scheint dennoch entschlossen zu sein, seine Ansprache ausstrahlen zu lassen. Zumindest hat er sie am Mittwoch bereits aufzeichnen lassen. Und auch wenn er die heiklen Themen ausspart und den Zusammenhalt in der Gesellschaft und in Europa in den Mittelpunkt stellt: Die Gedanken der Zuhörer werden ihm nicht folgen – sondern abschweifen.

Insofern wäre Wulff gut beraten, wenn er – wozu es fast schon zu spät ist – einen eleganten Weg zur Absage seiner Rede fände. Jetzt steht zu befürchten, dass er das höchste Amt im Staat noch ein Stück weiter beschädigt, als er es bereits getan hat. Denn die Annahme eines besonderen Immobiliendarlehens war bereits angreifbar, die Salamitaktik, mit der er fast täglich neue Fehler einräumt, ist ungeschickt und schwer erträglich.

Andererseits sollten Gesellschaft und Politik sich jetzt auch nicht in eine Lust an der Demontage hineinsteigern. Denn wer Wulff zu stark beschädigt, schwächt auch auf Jahre hinaus die Bedeutung des Präsidentenamts. Und es sollte bei aller Kritik nicht vergessen werden: Wulff handelte sicherlich unklug, ist moralisch angreifbar, aber er hat sich auch keines schweren Verbrechens schuldig gemacht. Wahrscheinlich liegt das Problem vor allem darin, dass er mit viel zu wenig Lebenserfahrung ins höchste Staatsamt kam.

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