Dass die Ärzte bevorzugt Privatpatienten behandeln, sollte niemanden verwundern. Schließlich geht’s ums Geld. Um viel Geld. Bei Privatversicherten bringt praktisch jeder Handgriff mehr Honorar. Und der Arzt kann nahezu unbegrenzt viele Leistungen abrechnen. Wie karg mutet dagegen aus Sicht der Mediziner die Abrechnung an, wenn es um Kassenpatienten geht. Das Honorarbudget ist gedeckelt, Leistungen werden also längst nicht immer bezahlt. Nur etwa jeder zehnte Bundesbürger ist Privatpatient. Aber diese kleine Gruppe beschert den Arztpraxen etwa ein Viertel ihrer Einnahmen. Auch wenn es ethisch nicht vertretbar ist, gesetzlich Versicherte länger warten zu lassen, so folgen die Ärzte den in unserer Gesellschaft üblichen Anreizsystemen.

Allerdings eignet sich die Krankheit von Menschen nur sehr bedingt dazu, nach den Regeln des Marktes behandelt zu werden. Das hat auch die Politik erkannt. Damit Kassenpatienten im Ernstfall schneller zum Facharzt kommen, wurden die Terminservicestellen eingerichtet. Die Bilanz nach einem Jahr ist ein Desaster: Fast niemand nutzt dieses Angebot. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ficht das nicht an. Die Frage unserer Zeitung, warum das Projekt gescheitert sei und was er zu tun gedenke, ließ Gröhe unbeantwortet. Stattdessen macht er in Optimismus und sieht in den Servicestellen gar eine Stärkung der Patientenrechte. Viele gesetzlich Versicherte haben eine andere Wahrnehmung. Sie fühlen sich einfach nur benachteiligt.

Diese Ungleichbehandlung könnte nach der Bundestagswahl zum Topthema aufsteigen. Grüne und Linke werben offensiv für die Bürgerversicherung, ob Martin Schulz und die SPD diesem Konzept folgen, ist aber noch nicht klar. Die Bürgerversicherung zwingt alle, in eine gemeinsame Kasse einzuzahlen. Auch Beamte, Selbstständige und Angestellte mit hohem Einkommen würden dann einkommensabhängige Beiträge zahlen – ohne Gesundheitsprüfung und ohne Risikozuschlag. Unter dem Dach der Bürgerversicherung wäre es leicht, das Gefälle bei den Honoraren zwischen Kassen- und Privatpatienten aufzuheben. Und damit wäre auch das Problem mit der Bevorzugung bei den Terminen beseitigt. Verlieren würden allerdings die Privatversicherer und ein Teil der Ärzteschaft. Sie sind bestens vernetzt und werden erbitterten Widerstand leisten. Mal sehen, ob’s hilft.

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