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Annette Ludwig

Annette Ludwig

Sergej Lepke

Annette Ludwig

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat sich weit aus dem Fenster gelehnt, als der VW-Dieselskandal hochkochte: „Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert.“ Später dann ruderte er ein Stück zurück. Es gebe „große Spielräume in der Gesetzgebung“ – und die habe man nutzen müssen. Begründung: Man könne sonst „Untreue zuungunsten der Shareholder begehen“. „Musste“ Daimler tricksen, weil alle anderen getrickst haben? Und hat Daimler deswegen den Kunden auch gar nicht betrogen? Das ist in etwa die Argumentation, mit der sich einst Radstar Jan Ullrich reinwaschen wollte. Er habe niemanden betrogen – weil damals ja eigentlich alle gedopt haben.

Dem genervten Dieselfahrer, aber auch allen anderen, die unter der Schadstoffbelastung leiden, dürfte angesichts dieser Argumentationslinie der Hut hochgehen. Versprochen wurde ihm ein sauberes, umweltfreundliches Auto. Bekommen hat er einen Wagen, der zwar theoretisch sehr sauber, aber praktisch eine Dreckschleuder ist. Der angesichts der Affäre inzwischen rasant an Wert verliert und in manchen Großstädten bald vielleicht noch nicht einmal mehr in die Innenstadt fahren darf.

Was in dieser leidigen Diesel-Affäre neben dem enormen Vertrauens- und Ansehensverlust für die Unternehmen richtig schwer wiegt, ist die Tatsache, dass die betroffenen Autobauer jahrelang unfassbar viel Energie, Forschung und Geld in Tricksereien investiert haben, um Umweltfreundlichkeit vorzutäuschen. Wie weit hätten die deutschen Autobauer heute sein können, wenn sie diese Energie rechtzeitig in die Entwicklung von wirklich innovativen Mobilitätsstrategien gesteckt hätten. Diese Chance haben sie verpasst. Stattdessen hechelt die deutsche Vorzeigebranche nun Konzernen wie Google hinterher, die in Zukunft individuelle und saubere Mobilität ganz neu definieren werden. Ein Trauerspiel.

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