Die Krise hat Großbritannien stärker getroffen als die anderen großen Volkswirtschaften Europas, und sie spitzt sich dramatisch zu.

Trotz aller Milliarden-Finanzspritzen häufen britische Banken immer neue Verluste an, das Haushaltsdefizit wächst ins Unermessliche, die Arbeitslosigkeit steigt rapide, das Vertrauen der Investoren ist ruiniert. Und: Die Proteste der Bevölkerung gegen Arbeiter aus anderen Ländern Europas drohen in gewalttätige Unruhen umzuschlagen. Im Mutterland des Kapitalismus herrscht blankes Entsetzen, denn es erlebt einen Absturz aus größtmöglicher Fallhöhe.

Noch vor wenigen Jahren schmähten die Briten den Euro als "Toilettenwährung", ließen keinen Anlass aus, das "alte Europa" auf die angebliche Überlegenheit des angelsächsischen Wirtschaftsmodells zu stoßen.

Was sie verkannten: Das Königreich hatte sich in den 1990er Jahren nicht etwa in eine zukunftsfeste, kraftvolle Dienstleistungsökonomie verwandelt. Der überraschende Aufstieg aus den Trümmern der alten Industriegesellschaft war in erster Linie der Aufstieg der Finanzmetropole London. Dort vollführte eine Kaste aus Finanz-Zauberlehrlingen ihre Tricks, die dem Land vorgaukelten, der Traum vom immer größeren Wohlstand ohne industrielle Bodenhaftung sei machbar. London entwickelte sich zur Stadt der toxischen Wertpapiere, eben jener Produkte, die nun das Land und die Weltwirtschaft vergiften.

Aber die Kontinentaleuropäer sollten sich nicht in Schadenfreude ergehen. Großbritannien zählte bislang zu den wirtschaftlichen Kraftfeldern der EU; ein Staatsbankrott auf der Insel wäre eine Katastrophe für alle Mitgliedsländer. Da hilft auch keine Notaufnahme in die Währungsgemeinschaft: Ein solches Projekt würde den ohnehin durch Griechenland, Spanien und Irland belasteten Euro in eine brisante Schieflage bringen.

Auch Großbritannien wäre durch einen überstürzten Beitritt zur Euro-Zone nicht geholfen. Sollte das Szenario einer Depression wahr werden, brauchte London die volle finanzielle Flexibilität. Eine kräftige Abwertung des Pfunds, die britische Produkte auf dem Weltmarkt zu Schnäppchen machte, wäre dann die letzte Chance, einen Komplettabsturz der Wirtschaft zu verhindern.

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