Kommentar Wunsch und Wirklichkeit des deutschen Russland-Bildes

Seit der deutschen Vereinigung vor 25 Jahren haben sich die meisten Deutschen ein Russlandbild zugelegt, das zunehmend nicht mehr mit der neuen Wirklichkeit seit Beginn der Ukraine-Krise vor gut einem Jahr in Einklang zu bringen ist. Natürlich wäre die weltpolitische Lage sicherer und stabiler, wenn Putins Russland so etwas wie ein verlässlicher Partner und Putin selbst wenigstens so etwas Ähnliches wie ein Demokrat wäre. Stattdessen wird der russische Machthaber immer unberechenbarer, sein taktisches Vorgehen immer rabiater und seine Rhetorik immer lauter. Das Russland, das die meisten Deutschen – und nicht nur die „Putin-Versteher“ – sich aus guten Gründen wünschen, gibt es schlicht nicht mehr. Und das Wünschen hilft nicht mehr.

Die Rede Putins an die Nation und die „Gegner seines Landes“ (gemeint war die in Genf tagende OSZE-Konferenz) zeigt vor allem eins: Die Sanktionen des Westens gegen Russland zeigen Wirkung. Sie treffen die russische Wirtschaft weit härter als Unternehmen im Westen. Dass Putin, dessen Panzer auf der Krim und in der Ukraine stehen, von einer „Unterwerfungspolitik des Westens“ spricht, ist so albern wie der Vergleich der Bedeutung der Krim für Russland mit dem Tempelberg in Jerusalem. Putins Hinweis auf die Stärke der russischen Armee und sein markiger Schluss-Ruf „Wir werden siegen!“ sind nichts als Propaganda und haben mit der russischen Wirklichkeit nichts zu tun. Da sprach der kleine Hans, der sich im dunklen Wald Mut machen will.

Die russische Wirtschaft liegt am Boden, der Rubel ist unter Druck, russisches Kapital flieht ins Ausland und es wandern so viele junge Russen aus wie nie zuvor. Keines der russischen Probleme kann Putin ohne den Westen lösen. Und der Westen ist gut beraten, geschlossen und entschlossen sowohl Stärke zu zeigen als auch gesprächsbereit zu bleiben. Längst hat Putins gut geölte Propaganda begonnen, destabilisierend auf weitere frühere Ostblock-Länder einzuwirken. Putin wird nur siegen, wenn der Westen ihn siegen lässt – indem er ihm nachgibt, sich in einen neuen Kalten Krieg und in eine neue Unordnung der Welt hineinziehen lässt. Daran kann niemand interessiert sein. Eigentlich nicht einmal Putin.

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