Was für eine verrückte Welt. Kleine Kinder glauben, Kühe seien lila, weil sie Rindviehcher nur aus dem Fernsehen kennen. Heranwachsende, von pubertären Selbstzweifeln gequält, basteln sich in Internetforen eine neue Identität nach ihren Wunschträumen.

Je älter sie werden, desto mehr verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion. Gewalt wird als Spaß empfunden - längst nicht bei allen, aber bei viel zu vielen. Und die Generation der Eltern und Erzieher steht verständnis- und sprachlos dabei, wenn die Jungen simsen und chatten, ballern und killen und entsetzliche Dinge wie den Amoklauf von Winnenden für cool halten oder zumindest online imitieren, um auch mal aufzufallen. Selbst die Ermittler des Massakers im Schwäbischen wussten zuletzt nicht mehr, ob ihre eigenen Erkenntnisse real oder digital gefälscht waren.

Es scheint, als lebten wir in Babylon. Worte haben nicht mehr die Bedeutung, die sie über Jahrhunderte besaßen. Kommuniziert wird um des Kommunizierens willen. Unrechtsbewusstsein geht verloren, wo geschickter Umgang mit dem Computer alle Türen und Tore zu öffnen vermag. Nach jedem Fall Erfurt, Emsdetten, Winnenden kommt Hilflosigkeit auf, gefolgt von reflexhafter Schuldzuweisung an Politik, Medien, Schule, Polizei - jedenfalls immer an die jeweils anderen. Dann ist wieder Ruhe, bis zum nächsten Fall.

Was uns fehlt, ist eine grundsätzliche und gesellschaftlich breit angelegte Debatte über elektronische Medien, über ihre Möglichkeiten, ihre Wirkung, ihre Gefahren. Notebooks müssen im Klassenzimmer so selbstverständlich sein wie auf der Teenager-Bude; Lehrer und Eltern müssen begreifen und kontrollieren können, womit sich ihre Kinder und Jugendlichen beschäftigen. Nur wer das Vokabular, die Symbolik, die Kryptik durchschaut, kann gegensteuern, wenn junge Internet-Surfer auf dem Weg sind, in Scheinwelten und Subkulturen abzudriften.

Vorbildhaft kurzen Prozess hat in dieser Woche die Justiz in Remscheid mit einem 16 Jährigen gemacht, der - noch vor der Tragödie von Winnenden - im Internet einen Amoklauf angedroht hatte. Der junge Mann wurde im Schnellverfahren zehn Tage in Arrest geschickt. So zeitnah, dass er noch nicht vergessen hat, worüber er nachdenken soll.

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