In Deutschland gibt es zu wenig und zu bedürftigen Nachwuchs

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Michaelis, Judith

Kinderarmut ist in Deutschland gleich in doppelter Hinsicht ein Thema. Einerseits kommen schlicht alarmierend wenige Kinder zwischen Flensburg und Passau, Aachen und Cottbus zur Welt, was zu einer alten, aussterbenden Gesellschaft führt. Und zweitens sind von den Kindern, die geboren wurden, viel zu viele arm. Beides steht in einem direkten Zusammenhang.

In einer Gesellschaft, in der die Wohlstandsentwicklung längst nicht mehr so homogen verläuft wie noch in den vergangenen Jahrzehnten, müssen sich immer mehr junge Menschen gegen Kinder entscheiden. Kinder kosten – Geld, Zeit und immer noch auch Karrieren. Wenn gleichzeitig die Einkommensschere etwa durch 400-Euro-Jobs und befristete Arbeitsverhältnisse insgesamt stetig weiter aufgeht, ist eben kein Geld für Kinder da.

Für beinahe jeden sechsten Deutschen unter 18 Jahren hat dies heute schon spürbare Folgen. Er lebt mit seinen Eltern einschließlich staatlicher Hilfen von weniger als 11 151 Euro im Jahr. Das ist die statistische Armutsgrenze. Konkret heißt das für fast 2,1 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland: kein Geld für Klassenfahrten, Handys, Vereine – von Markenmode und Kinoabenden mit den Freunden ganz zu schweigen. Aber das Schlimmste ist vor allem für Heranwachsende, dass die Altersgenossen diese Armut sehen können. Und auf Schulhöfen geht es nicht immer zimperlich zu.

Wer nun einwendet, wirkliche Armut gebe es in Deutschland ja gar nicht, weil zumindest jedes Kind ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen habe, der irrt. Armut in einem Industrieland ist mit Armut in einem Entwicklungsland nicht zu vergleichen. Sie orientiert sich am Wohlstand des Durchschnitts. Und wenigstens den müssen die Kinder erreichen können.

Dies zu ermöglichen, muss ein Selbsterhaltungstrieb von Staat und Gesellschaft sein. Fundierte Allgemeinbildung für alle Kinder in vernünftig ausgestatteten Schulen ist ebenso elementar wie der ausreichende Lohn für ordentlich geleistete Arbeit.

Kinderarmut in Deutschland ist kein Schicksal, dem zu entrinnen unmöglich ist. Aber sie ist nur zu bekämpfen, wenn den Lippenbekenntnissen der Politiker aller Couleur und der Entscheider in der Wirtschaft sehr bald nachhaltig Taten folgen.

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