Dieser Papst ist ein Glücksfall. Franziskus mischt sich ein, er redet den Mächtigen ins Gewissen und lebt selbst seine Botschaft der Nächstenliebe vor. In einer leidenschaftlichen Rede hat der Argentinier bei der Verleihung des Karlspreises gestern in Rom Europa den Spiegel vorgehalten: „Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Ich träume von einem Europa, in dem es keine Straftat ist, ein Migrant zu sein.“ Aufrüttelnd war sein Appell für mehr Solidarität und Menschlichkeit. Für einen Moment ist es ihm gelungen, die zahlreich nach Rom gereisten Politiker nachdenklich zu machen. Sie hielten inne, sie stimmten leise zu, sie applaudierten. Doch was wird daraus politisch folgen? Vermutlich nicht viel.

Denn in Europa haben Abschottung, Nationalismus und neue Grenzzäune angesichts der Flüchtlingskrise die Oberhand gewonnen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel steht mit ihrer Sicht, dass die Flüchtlingskrise nur von Europa gemeinsam gelöst werden kann, ziemlich alleine da. Ihre Appelle, dass Zäune die Menschen nicht aufhalten werden, verhallen ungehört. Für Franziskus’ mutigen Traum dürfte es derzeit erst Recht keine Mehrheiten in Europa geben.

Der Papst gibt aber den Flüchtlingen eine Stimme, ein Gesicht, eine Öffentlichkeit. Schon 2014 hatte er vor dem Europaparlament betont, Europa müsse um jeden Preis verhindern, dass das Mittelmeer sich in einen riesigen Friedhof Verzweifelter verwandele.

Genau das aber könnte in diesem Sommer passieren. Die Zahl der Flüchtlinge, die zuletzt nach Europa und bis nach Deutschland gelangt sind, ist zwar deutlich gesunken. Das Schließen der Balkanroute zeigt seine Wirkung. Doch mit jeder Route, die geschlossen wird, tun sich neue, gefährlichere Wege auf. In Libyen und anderswo in Afrika sitzen Tausende von Menschen auf Abruf zur Flucht bereit. Sie werden sich im Sommer in seeuntauglichen Booten auf den oft tödlichen Weg übers Mittelmeer machen. Schon 2015 starben mindestens 3770 Menschen vor den Küsten Europas.

Die Bewährungsprobe steht Europa noch bevor. Franziskus wird seine Forderung nach einer „Solidarität der Tat“ wieder und wieder erneuern müssen. Sonst wird seine Vision von einem jungen, brüderlichen, auf Nächstenliebe gründenden Europa ein komplett unerfüllter Traum bleiben.

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